 Eine Nachricht, die in den letzten Tagen durch die Medien ging, sollte für alle älteren Menschen ein Anlaß sein, erneut über ihre Stellung in der Gesellschaft nachzudenken. Das ZDF, eine der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, wird eine der beliebtesten Sendungen “Die lustigen Musikanten” absetzen. Gleiches gilt für die Sendung “Zauberwelt der Berge”. Der ARD will da natürlich nicht zurückstehen und wird die Sendung “Kein schöner Land” aus dem Programm nehmen. All diesen Sendungen ist gemeinsam, dass sie sich vorwiegend an ein älteres Publikum wenden. Und genau das ist ihr Makel.
Der Autor dieser Zeilen ist keineswegs ein enttäuschter Fan der so genannten Volksmusik. Im Gegenteil. Obwohl selbst Senior, möchte er sich tendenziell dem Urteil einer bekannten Tageszeitung (FAZ, 5.8.2007, Nr. 31) anschließen. Danach sind “Volksmusiksendungen bis heute der Inbegriff von rückwärtsgewandtem Spießertum mit höchstem Peinlichkeitsfaktor” und “eine “Schnarch-Show”. Mag sich in diesen Formulierungen auch die überhebliche Arroganz eines selbsternannten Intellektuellen ausdrücken, der verachtungsvoll weit über Niederungen des populären Geschmacks schwebt, sicherlich steckt auch einiges an Wahrheit darin. Denn ein hohes kulturelles oder sonstiges Niveau wird auch der treueste Anhänger der Volksmusik diesen Sendungen nicht nachsagen können. Aber sie hatten ein treues Publikum. Die letzte Sendung der „Lustigen Musikanten“ hatte mit 4,36 Millionen Zuschauern einen Marktanteil von ca. 17% und damit die höchste Quote im gesamten ZDF-Programm an diesem Tag. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, was die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten dazu berechtigt, Sendungen mit weit überdurchschnittlichem Zuschaueranteil und -erfolg einfach aus dem Programm zu kegeln und welche Gründe sie dazu veranlaßt haben.
Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten verbergen den Grund nicht: Die Zuschauer der populären Volksmusiksendungen sind ihnen im Schnitt zu alt ! Zwar zahlen die älteren Zuschauer die gleichen Gebühren wie die Jungen. Aber sie haben nach Auffassung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten kein Recht, Sendungen zu sehen, die ihnen gefallen. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geht es nämlich nicht um die Frage, ob einem Zuschauer das Programm gefällt sondern nur darum, ob er ein Empfangsgerät besitzt. Und wenn der allgemein herrschende Jugendwahn fordert, dass der Sender ein jugendliches Image besitzt, dann werden eben Sendungen für ältere Menschen ohne Rücksicht auf die Zuschauer einfach aus dem Programm genommen. Schließlich weiß man in den Rundfunkräten und bei den Politikern, die letztlich über Finanzierung und Strukturierung der Rundfunkanstalten bestimmen, nur zu genau: Ältere Menschen wehren sich nicht, sie haben keine Lobby, die sich auf politischer Ebene für sie einsetzt. Hätten die Anstalten eine populäre Jugendsendung mit hoher Zuschauerquote aus dem Programm genommen, wäre das Geschrei der jugendbewegten Politiker und aller Medien groß – wenn es um ältere Menschen geht, herrscht überall Gleichgültigkeit und Schweigen.
So ist die Absetzung der Volksmusiksendungen mehr als nur eine Programmänderung im Fernsehen. Sie ist ein Symptom für die in Wirtschaft, Politik und Publizistik herrschende Tendenz, alte Menschen auszugrenzen, an den Rand der Gesellschaft zu drängen, ihre Wünsche und Bedürfnisse einfach zu ignorieren. Diese Tendenz zeigt sich nicht nur in der Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, sie dokumentiert sich gleichermaßen in den seit Jahren fehlenden Anpassung der Renten an die Inflationsraten, in der Zwei-Klassen-Medizin für ältere Menschen und in der mangelnden Fürsorge und Betreuung für behinderte Senioren.
 Warum ist das so ? Auch hier ist der Grund einfach. Ältere Menschen wehren sich nicht. Sie nehmen Benachteiligungen, Ausgrenzungen, permanente Reduzierungen ihres Lebensstandards widerspruchslos und ohne Protest hin. Sie machen keinen Gebrauch von ihrer politischen Macht. Würden ältere Menschen bewußt bei Wahlen auf Politiker und Parteien achten, die ältere Menschen nicht nur als lästigen Kostenfaktor sondern als gleichwertige und gleichberechtigte Mitglieder unserer Gesellschaft betrachten, würde sich ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation sehr bald zum Besseren wenden.
Hans Gilles |