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Buchrezension: Günter Wallraff - Aus der schönen neuen Welt
 
von Katrin Okumafi, Autorin des biografischen Romans „Kein Fleckenwasser für Leoparden“
 
Ein Jahr lang ist Günter Wallraff, der bekannte Enthüllungsjournalist, als Afrikaner zurechtgemacht durch Deutschland gelaufen, und herausgekommen sind dabei magere 48 Seiten. Die übrigen eindrucksvollen Reportagen des Buches möchte ich hier außer Acht lassen.

Mag sein, dass er nur das Spektakulärste herausgepickt hat und seinem Film nicht vorgreifen wollte. Wie ich selbst erlebt habe, wird Weißen in schwarzer Umgebung ein Sympathiebonus entgegengebracht, ein Schwarzer in Deutschland sieht sich unvorbereitet mit dem Gegenteil konfrontiert. Es braucht ein starkes Selbstwertgefühl, um den Dauerbeschuss wegzustecken. Wie es Wallraff andeutungsweise in den Luxusgeschäften in Düsseldorf erlebte, bietet Geld wie überall günstigere Voraussetzungen: ein guter Job, Eigenheim, keine öffentlichen Verkehrsmittel, Golfclub statt Fußballstadion.

Wallraff weiß, dass er jederzeit aus seiner Rolle herausschlüpfen kann. Er summiert rassistische Bemerkungen, die teilweise nicht ihm ins Gesicht gesagt, sondern hinter dem Rücken geäußert worden sind. Am Ende empfindet er es dennoch in einem Biergarten fast als Auszeichnung, genauso bedient zu werden wie alle andern. Wer hat schon mal einen schwarzen Touristen gesehen? Ich hatte mal einen in meiner Begleitung, was an der Mosel dazu führte, dass sich die komplette Kundschaft einer Metzgerei wie auf Kommando umdrehte und mit offenem Mund durchs Schaufenster nach draußen glotzte, während wir die Fachwerkfassade bewunderten. Da kommt man sich vor wie Cook bei Eroberung der Südsee. Angegriffen wurden wir von den Eingeborenen nicht.
Das Buch zeigt typisch deutsche Lebensräume. Gut, unter Dauercamper und Schrebergartenbesitzer würde ich mich selbst als weiße Deutsche ungern mischen, weil ich weiß, mit welcher Gesinnung dort zu rechnen ist. Solche Situationen lassen sich vermeiden. Die Verwechslung mit einem Kellner wäre möglicherweise in Bonn nicht passiert, wo die Bevölkerung jahrelange Erfahrung mit Diplomaten hat.

Die Situation bei der unvermeidlichen Wohnungssuche hat sich offensichtlich seit den 60er Jahren wenig geändert. Vielleicht hat Wallraff die tausenderlei unscheinbaren Zurücksetzungen tagtäglich nicht als solche wahrgenommen, die abgewiegelt werden, sobald jemand darauf angesprochen wird: Weswegen reichen viele einem Schwarzen nur die Fingerspitzen, zählen ihm das Wechselgeld nicht in die Hand, lassen den Sitzplatz neben ihm möglichst frei? Die Tochter erhält im Schultheater die Hauptrolle als Aschenputtel mit der Begründung, weil man sie nicht erst dreckig schminken muss. Sagt man jemandem, dessen Haut solcherart bereits abgezogen ist: Sei nicht so empfindlich... War doch nur Spaß?

Wallrafs Fazit stimmt sicher: viele Menschen brauchen in unserem Lande den Rassismus als ideologisches Klebemittel, um sich ihrer eigenen „nationalen“ Identität zu versichern. Als schwarzer Arbeitnehmer hätte er unter Umständen die Erfahrung machen können, dass die türkischen Landsleute aufgerückt sind. Ganz unten sind jetzt andere.
Wie blind ist die Menschheit, um einen angemalten Weißen für einen Schwarzen zu halten. Das beweist, dass Schwarze noch nicht einmal angesehen werden. Ich erinnere mich an das Erstaunen eines Nigerianers auf dem Weg zu seinem ersten Karnevalszug in Bonn: „Hast du das gesehen, die Verkleideten haben mir richtig in die Augen geschaut!“ – Ja, klar, sie wollten sehen, wie ihr Kostüm wirkt. Wie es sich als Schwarzer hier lebt, hat Wallraff höchstens in oberflächlichen Ansätzen ahnen können.
 
Katrin Okumafi
Autorin des biografischen Romans
„Kein Fleckenwasser für Leoparden“
EchoNET-Redaktion
 
Dezember 2009
 
 
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