Was ist die „riverlounge“ in Bonn? Räumlich gesehen ist es das alte, historische Bonner Wasserwerk, direkt am Rhein gelegen. Während des Neubaus des Plenarsaales tagte hier der Deutsche Bundestag als Ausweichquartier. Heute dient der Raum des früheren Parlaments als Spielort für Musik der unterschiedlichsten Arten: Jazz, Klassik, Soul und Funk.
Anlässlich des 100. Geburtstages des Ausnahmegitarristen Django Reinhardt - eine kurze Würdigung dieses einmaligen Musikers können Sie bitte hier... nachlesen - fand in der riverlounge „A Tribute to Django Reinhardt“ statt, ein Konzert zu Ehren dieses für Jazzfans „unsterblichen“ Musikers. Als würdiger Interpret für diesen Anlass wurde der französische Sinto Bireli Lagrene verpflichtet, ein Mann, der bei vielen Kritikern als „legitimer Nachfolger“ Django Reinhardts gilt. Wie dieser wuchs er in einer musikalischen Sinto-Familie auf, begann mit vier Jahren Gitarre zu spielen und hatte mit acht Jahren bereits seine erste eigene Band. Er war also wirklich ein musikalisches Wunderkind. Im Alter von 16 Jahren spielte der Junge mit international bekannten Jazzgrößen. Heute ist Bireli Lagrene längst aus dem Schatten seines großen Vorgängers Django herausgetreten, ist ein weltbekannter und anerkannter Gitarrist -zuhause in vielen Stilarten des Jazz, in lateinamerikanischen Musikstilen und sogar in der Klassik. In bester Tradition der Sinti-Musiker ist Lagrene Multi-Instrumentalist. Neben der Gitarre beherrscht er Geige, Klavier und spielt gelegentlich Bass und Schlagzeug.
Wer geglaubt hatte, dass er unter dem Motto „A Tribute to Django Reinhardt“ jene Musik erleben würde, mit der Django heute noch meistens identifiziert wird, nämlich die Musik des „Quintette du Hot Club de France“ kam nicht auf seine Kosten. Schließlich war es kein Quintett, das auftrat, sondern ein Duo: Bireli Lagrene mit dem Bassisten Jürgen Attig. Aber eine Enttäuschung war es nicht, im Gegenteil. Jürgen Attig ist ein überragender, exzellenter Bassist, technisch brillant und voller witziger Einfälle. Man hört, dass die Zusammenarbeit mit Bireli Lagrene seit ca. 15 Jahren besteht. Die musikalische Übereinstimmung, und der Einklang von Gitarre und Bass war grenzenlos. Manchmal konnte man glauben, ein einzelnes Instrument mit bisher völlig unbekannten tonalen Eigenschaften zu hören. In den Händen von Jürgen Attig fungiert der Bass nicht als Instrument, das - wie meistens - nur im Hintergrund für Rhythmus sorgt, sondern als gleichberechtigter Partner der Gitarre. Bireli Lagrene selbst zeigte, dass er kein Traditionalist ist, der nur das Oeuvre seines großen Vorgängers und Vorbildes fortführt. Seine musikalische Bandbreite ist ungleich größer als die des Altmeisters. Er verfügt über eine mindestens gleichwertige atemberaubende Schnelligkeit und virtuose Phrasierung wie das große Vorbild und schafft es gleichzeitig, der Musik einen durchaus eigenen und eigenständigen Charakter zu verleihen. Immer wieder zupfte er begeisternde, atemberaubende Läufe und zauberte grazile Flageoletts. Sein Repertoire umfasst nicht nur Kompositionen von Django Reinhardt, sondern auch eigene Kompositionen, Stücke aus dem Sintiswing- und Modern Jazz-Bereich sowie alte Jazz-Standards, alle originär gestaltet. Es erklingt wahrhaftig eine Musik, wert des konzentrierten Zuhörens.
Das begeisterte Publikum in der ausverkauften „riverlounge“ forderte am Schluß unentwegt und stürmisch Zugaben. In der vorletzten Zugabe bewies Bireli Langrene mit dem alten Jazz-Standard „All of me“, dass er nicht nur als glänzender Instrumentalist, sondern auch als veritabler Jazzsänger auftreten kann. Seine enorme musikalischen Bandbreite und seine künstlerische Relevanz schufen einen Konzertabend, den kein Besucher so schnell vergessen wird.
Den Artikel "Jazz in Bonn I" lesen Sie hier...
Alles zu Django Reinhardt finden Sie hier...
HANS GILLES
Redakteur EchoNET
04.02.2010 |