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Bücher, die die Welt veränderten II
 
George Orwell - 1984
 
George Orwell (1903-1950) zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern Großbritanniens. Die Idee zu seiner düsteren Zukunftsvision in seinem 1948 erschienen Roman "1984" (der Titelname entstand durch den bewussten Zahlendreher des Jahres der Veröffentlichung als Anspielung auf eine damals sehr fern erscheinende Zukunft) hatte er während des Zweiten Weltkrieges, als er über Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion sinnierte. Sein literarisches Vorbild war der russische Schriftsteller Jewgenij Samjatin, der 1921 bereits den tristen Zukunftsroman "Wir" verfasste, ihn jedoch aus politischen Gründen nie einer großen Öffentlichkeit präsentieren durfte.
 
London an einem kalten Apriltag im Jahr 1984: Winston Smith, Beamter im "Wahrheitsministerium" kehrt in seine triste Wohnsiedlung zurück. Er ist müde, mit seinem Leben unzufrieden und hat Schmerzen in seinen Beinen. Wie immer ist der Aufzug außer Betrieb, und er muss die Treppe bis zu seiner Wohnung im siebten Stockwerk zu Fuß gehen. In seinem karg eingerichteten Wohnzimmer sendet der "Teleschirm" monotone Nachrichten in Bild und Ton. Das Fatale daran ist, dass man den Apparat niemals ausschalten kann. Denn der "Teleschirm" hat eine noch viel wichtigere Funktion: Er soll den Menschen überwachen und in seinen eigenen vier Wänden ausspionieren. Überall lauert die "Gedankenpolizei", um "Gedankenverbrechen" zu ahnden. Hier in "Ozeanien" - es umfasst die Staaten Großbritannien, Amerika und Australien - regiert der "Große Bruder". Sein abstraktes, finsteres Antlitz fixiert die Menschen von unzähligen Plakaten, versehen mit dem Slogan: "Der Große Bruder sieht dich!" In Anbetracht dieser Lebensumstände stellt sich Winston Smith nun die gefährliche Frage: "Gibt es eine Alternative zu diesem Leben?"
 
So beginnt George Orwells düstere Zukunftsvision eines totalitären Überwachungs- und Präventionsstaates. Welche Brisanz dieser Roman besitzt zeigt allein die Tatsache, dass der Erwerb und Besitz dieses Werkes in zahlreichen Staaten der Erde unter Strafe verboten war, darunter im gesamten ehemaligen Ostblock. Denn Orwell wies 1948 beinahe prophetisch auf die Gefahren der Informationsgesellschaft hin. Sein "Teleschirm" ist heute längst kein Fantasieprodukt mehr. Jedes "Ozeanien" hätte heute die Möglichkeit, mit Hilfe von Internetanschluss und Webcam jeden einzelnen Menschen in seinen eigenen vier Wänden ins Visier zu nehmen und ihn so zum "Gläsernen Menschen" zu machen. Aus diesem Grund verweisen Kritiker der aktuellen Vorgehensweise der Regierungen zahlreicher Staaten in Bezug auf ihre sicherheitspolitischen Wahnvorstellungen gerne auf Orwells Szenario "1984", um aufzuzeigen, wohin eine solche Datenspeicherung und -überwachung führen könnte. Auch heute noch gilt bei Briten und Amerikanern das geflügelte Wort, wenn sie eine Verletzung des Datenschutzes wittern: "Big Brother is watching you!" (Der Große Bruder sieht dich!). Unglaublicherweise unterwerfen sich heutzutage in vielen Ländern zahlreiche - meist geistig minder bemittelte - Menschen des kurzen, zweifelhaften Ruhmes wegen freiwillig dem "BigBrother".  
 
Erwähnenswert  ist auch der Missbrauch der Sprache in "1984". In "Ozeanien" wird das "Neusprech" gepflegt. Dieser künstliche Eingriff will "überflüssige" Vokablen aus dem Wortschatz einer Sprache tilgen. Der perfide Gedanke im Hintergrund: "Hat man kein Wort für eine Idee, so wird man bald aufhören, diese Idee zu denken!" Auch deshalb heißt Winston Smith` Arbeitgeber "Wahrheitsministerium". In Wirklichkeit handelt es sich - in Anlehnung an Hitlers politische Instrumente - um ein Propagandaministerium, jedoch existieren Wörter wie "Propaganda" oder "Lüge" in "Ozeanien" nicht mehr. "Wahrheit" ist nur noch das, was der "Große Bruder" für "wahr" erklärt.
 
George Orwell wurde im spanischen Bürgerkrieg - wo er gegen die Diktatur kämpfte - schwer verletzt, und starb 1950 im Alter von nur 47 Jahren an Tuberkulose.
 
THOMAS DOGEN
Chefredakteur
Online-Redaktion
 
05.02.2010
 
 
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