Kaum jemand verbindet heutzutage in Deutschland etwas mit dem Namen Mary Wollstonecraft, und ihr Hauptwerk "Verteidigung der Rechte der Frau" ist hierzulande völlig unbekannt. Dabei gilt sie weltweit als die Begründerin der Frauenemanzipation, denn ihr bereits im Jahr 1792 erschienenes Pamphlet richtete sich gegen die Herrschaft des Mannes: "Ich liebe den Mann als meinen Gefährten. Aber seine Herrschaft, rechtmäßig oder angemaßt, erkenne ich nicht an." Das war im 18. Jahrhundert eine mehr als mutige Aussage.
Mary Wollstonecraft (1759-1797) wurde in der Nähe Londons geboren und hatte in jungen Jahren einen schweren Stand. Ihr Vater, ein gewalttätiger Alkoholiker, tyrannisierte die Familie und verschwand schließlich spurlos. Ihre Mutter starb früh, und Mary musste fortan für ihre jüngeren Geschwister sorgen. Sie hatte lediglich die Volksschule besucht, denn zusätzliche Bildung war für Mädchen damals nicht erwünscht. Dennoch weigerte sie sich, einer Tätigkeit als Näherin oder Bedienstete nachzugehen. Eine befreundete Pfarrersfamilie ermöglichte ihr eine weiterführende Ausbildung an einer Sprachschule. Im Jahr 1783 gründete Mary Wollstonecraft mit ihren beiden Schwestern eine Tagesschule, in der erstmals Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet werden sollten. Doch der Widerstand der männlichen Bevölkerung war so groß, dass die Schule sehr bald geschlossen werde musste.
Im Jahr 1787 fand Mary Wollstonecraft in dem Londoner Verleger Joseph Johnson einen Fürsprecher für ihre Anliegen. Er bot ihr eine Stelle als Lektorin und Übersetzerin an, und veröffentlichte ihr erstes Pamphlet "Gedanken über die Erziehung von Töchtern". Fortan verkehrte sie mit den radikalsten Künstlern und Denkern Londons, und verfasste eifrig Schriften und Plädoyers für die Menschenrechte. Geprägt von den Einflüssen der Französischen Revolution im Jahr 1789 entwarfen auch die britischen Vordenker innovative Modelle für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung. Im Zuge dessen wurde Mary Wollstonecraft mit ihrem 1792 veröffentlichten Werk "Verteidigung der Rechte der Frau" zur Pionierin der Frauenemanzipation. Bis dahin hatte noch nie jemand - erst recht keine Frau - so dezidiert und systematisch die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann gefordert.
Mary Wollstonecraft verlangte in ihrer Schrift die Gleichbehandlung in Ausbildung und Arbeit sowie die gleiche Entlohnung. Sie stellte sogar die Notwendigleit der Ehe infrage und forderte mehr Einfluss der Frauen in wichtigen Ämtern. Ihr Werk sorgte verständlicherweise für großes Aufsehen und wurde sofort in zahlreiche Sprachen übersetzt. Wollstonecraft machte sich zugleich in weiten Teilen der britischen Bevölkerung - erstaunlicherweise auch bei vielen Frauen - mit ihren Aussagen sehr unbeliebt und erhielt den Spitznamen "Hyäne in Petticoats".
Unerwartet starb Mary Wollstonecraft 1797 im Alter von nur 38 Jahren bei der Geburt ihrer - unehelichen - Tochter Mary, doch ihr radikales Werk diente fortan als Grundlage aller Bewegungen zur Emanzipation der Frau. Ihre Tochter trat in gewisser Weise in die Fußstapfen ihrer Mutter - als emanzipierte Frau und erfolgreiche Autorin. Als Mary Shelley veröffentlichte sie 1818 mit "Frankenstein" einen Klassiker der Weltliteratur.
Fotos:
*Mary Wollstonecraft - Gemälde von John Opie, 1797
*Originaltitelseite der Erstausgabe "Verteidigung der Rechte der Frau"
THOMAS DOGEN
Chefredakteur
Online-Redaktion
22.02.2010
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