Musikkritikern wird häufig nachgesagt, sie würden über Konzerte schreiben, die sie nie besucht hätten. Herbert Rosendorfer, einer der besten lebenden deutschen Schriftsteller, hat z. B. dazu eine hübsche Geschichte geschrieben. In der kommt ein Musikkritiker vor, der grundsätzlich nie die Konzerte besucht, über die er zu berichten gedenkt. Glücklicherweise besitzt er noch ein Exemplar eines uralten, längst eingestampften Konzertführers aus der Nazizeit. Wenn er in der darin enthaltenen Besprechung eines Konzertes die Vokabel "jüdisch-dekadent" durch "feinsinnig" ersetzt, kann er den Rest des Textes getrost abschreiben, als eigene Kritik veröffentlichen und sich so den Besuch des Konzertes ersparen.
Der Autor dieses Artikelchens beabsichtigt nun auch, über ein Konzert zu schreiben, das er selbst nicht besucht hat. Die Band, über die er berichten will, trat am 04. Juni 2010 in der Bonner Rheinaue auf; an einem Tag, an dem der Autor nicht in Bonn weilte, da er eine lange vorher geplante Reise angetreten hatte. Aber glücklicherweise benötigt er keinen alten Konzertführer. Er hat die Band mindestens ein Dutzend Mal in unterschiedlichen Konzerten in unterschiedlichen Ländern gehört und besitzt sämtliche von ihr bespielten CDs. Er kann also ohne jedes schlechte Gewissen das nicht besuchte Konzert in Bonn zum Anlass nehmen, über die Band als solche zu berichten.
Die Band, die zu hören und über die zu berichten sich wirklich lohnt, ist einmal im Jahr auf Europa-Tournee. Die "Syncopators" (früher: Society-Syncopators) sind Australier, kommen von "down under", sind beheimatet in Melbourne. Nun ist es erstaunlich, dass eine Band ausgerechnet aus Australien in Europa eine regelrechte Fan-Gemeinde besitzt. Aber jeder Jazz-Freund, der die Band einmal gehört hat, wird es verstehen: es ist weltweit eine der besten Bands im traditionellen Jazz mit allen seinen Stilrichtungen, eine Band voller Swing und Schwung, die ihre Zuhörer einfach mitreißt. Sie repräsentiert die Elite der australischen Jazzer. Ihr Repertoire reicht von den Wurzeln des traditionellen Jazz - New Orleans, Dixieland und Swing - bis zu Boogie, Mainstream und Rhythm&Blues.
Gegründet wurde die Band 1984 von dem Posaunisten Chris Ludowyk, der auch heute noch in der Frontline der Band mitspielt. Ludowyk, ein Posaunist mit einem eher sanften, melodischen Stil, aus dem man unverkennbar den Einfluss von Tommy Dorsey heraushört, trat mit allen australischen Jazzgrößen wie Bob Barnard, James Morrison, Graeme Bell oder (dem leider viel zu früh verstorbenen) Tom Baker auf und war auch in Europa als Solist zu Gast bei vielen englischen Topbands. Experten von "down under" meinen, er sei der beste Posaunist auf dem fünften Kontinent.
Mit Peter Gaudion verfügt die Band über einen nicht nur glanzvoll virtuosen, sondern auch äußerst charismatischen Trompeter und Sänger. Trompetenstars wie Louis Armstrong und Harry James waren wohl - so kann man glauben - seine Vorbilder, denen er erfolgreich nacheifert. Als Star der Bühnenshow "High Society" tourte er durch Australien. Mit Kenny Ball, Mr. Acker Bilk und der Durch Swing College Band war er auch in Europa mehrfach auf Tournee. Gaudion kann mitreißend schmetternd und strahlend mit perfekter Beherrschung seines Instrumentes spielen, aber er beherrscht gleichermaßen die leisen, sensiblen Töne.
Richard Miller, Klarinette und Saxophon, spielte in den 70er Jahren mit den legendären Red Onions, mit denen er auch erfolgreich europäische Festivals besuchte. Bemerkenswert ist, dass Miller auch die modernen Formen des Jazz beherrscht und mit modernen Formationen auf dem bekannten Montreal Jazz Festival auftritt. Neben den Auftritten mit den "Syncopators" oder als Gastmusiker ist Miller auch als Komponist und Arrangeur eine profilierte Persönlichkeit.
Seit 1991 ist der Gitarrist und Banjo-Spieler Jeff Arthur Mitglied der "Syncopators". Mit ihm kamen neue Elemente in das Spiel der Band, denn seine musikalische Herkunft lag beim Blues & Rock.
Der Schlagzeuger und "washboard-player" Andrew Swann, das jüngste Bandmitglied, ist der Liebling aller weiblichen Zuhörer. „Andy“, wie er genannt wird, ist nicht nur ein "lecker Kerlche" (so eine rheinische Zuhörerin), sondern auch ein äußerst dynamischer Schlagzeuger. Nach einer klassischen Musikausbildung hat er sich sehr erfolgreich den populären Musikstilen zugewandt. Er spielt nicht nur bei den "Syncopators". Seine musikalischen Aktivitäten erstrecken sich über die USA, Europa, Asien und Neuseeland. Regelmäßige Auftritte in verschiedenen australischen TV-Shows gehören dazu.
Diese Musikerpersönlichkeiten, verstärkt noch durch Bass, Tuba und Piano, sind die Grundlage für einen sensationell vielseitigen, unkonventionellen und anspruchsvollen Konzertabend. Überragendes musikalisches Können, dargeboten mit unnachahmlicher australischer Lässigkeit, machen ein Konzert dieser Band zu einem großartigen und zeitgemäßen Jazzerlebnis. Das Konzert am 04. Juni 2010 in der Bonner Rheinaue war zweifellos einer der Höhepunkte der sommerlichen Konzertreihe. Dies kann der Autor - obwohl er selbst dieses Konzert nicht hören konnte - mit guten Gewissen behaupten.
Ob die "Syncopators" im Jahr 2011 wieder eine Europa-Tournee durchführen und dabei auch ein Konzert in Bonn oder Umgebung geben, ist noch ungewiss. Wenn sie wieder kommen sollten, kann man allen Jazzfreundinnen und Jazzfreunden nur einen wirklich guten Rat geben: Hingehen und Zuhören! Es lohnt sich!
Musik: Syncopators "Old Man Blues" (Lautsprechersymbol unten links anklicken)
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HANS GILLES
Redakteur EchoNET
22.06.2010 |