Am 18. Januar 1914 wurde Arno Schmidt in Hamburg geboren. Auch wenn das Jahr 2011 kein Jubiläumsjahr für ihn ist: Es ist an der Zeit, eine kurze Erinnerung an den Mann zu schreiben, der literarische Kunstwerke einzigartigen Charakters geschaffen hat.
Aufgewachsen in kleinbürgerlichen Verhältnissen, wurde Arno Schmidt nach dem Abitur 1934 kaufmännischer Lehrling und arbeitete bis 1940 als kaufmännischer Angestellter. 1940 ereilte auch ihn das damals unabwendbarer Schicksal: Er wurde zur Wehrmacht einberufen. Diese Zeit als Soldat prägte seine grundsätzlich pessimistische und kritische Weltanschauung, ganz besonders dem Staat und allen staatlichen Organisationen gegenüber und verstärkte seine vorhandenen extrem eigenbrötlerischen und schwierigen Charakterzüge. 1945 gerät Schmidt in britische Gefangenschaft. 1947 entschließt er sich, freier Schriftsteller zu werden. Nach wechselnden Aufenthalten in verschiedenen deutschen Städten, immer in bedrängter finanzieller Lage, kann Schmidt 1958 ein kleines Holzhaus in einem Dorf in der Lüneburger Heide (in Bargfeld) erwerben. Dort, abgeschieden vom zeitgenössischen Kultur- und Literaturbetrieb, lebt Schmidt bis zu seinem Tode am 3. Juni 1979 und arbeitet als Autor und Übersetzer mit nahezu fanatischer Disziplin an seinem umfangreichen Werk: Romane, Erzählungen, Übersetzungen, Biographien, Psychogramme, Funkessays.
Es würde den Rahmen dieser kurzen Erinnerung sprengen, auf die Werke im einzelnen einzugehen. Deshalb nur der Versuch, eine Andeutung seines spezifischen, ein wenig an James Joyce erinnernden Stils, zu geben - mehr ist hier nicht möglich.
Seine einzigartige Stellung in der deutschsprachigen Literatur begründet Schmidt durch die Verbindung von traditionellem Erzählen und einer einzigartigen avantgardistischen Schreibtechnik, durch die Verwendung einer assoziationsreichen Sprache mit einer eigenwilligen Orthographie als Stil- und Ausdrucksmittel. Wortschöpfungen, expressionistische Lautmalereien, die Verwendung von Satzzeichen als literarisches Werkzeug sind typische Merkmale seines Schreibweise. Er erzählt nicht fortlaufend, zerlegt Geschichten in Details, die er, zum Teil ohne Verbindungen und Überleitungen, aneinanderreiht. „Seine Romane und Erzählungen sind aus Splittern, Nuancen und Details zusammengesetzt. Erfahrungsbruchstücke, Augenblicksbilder, Impressionen, Naturschilderungen, Metaphern, Redewendungen, Wortspiele dienen als Versatzstücke“, äußerte sich Marcel Reich-Ranicki im Jahr 1967.
1968 wird Arno Schmidt´s Hauptwerk fertig: „Zettels Traum“, ein Monstrum auf 1334 DIN A3-Blättern getippt, über 10 Kilogramm schwer, 120 Anschläge pro Zeile, verteilt auf drei Kolumnen, ein Haupttext mit 60 und zwei Randkolumnen mit jeweils 30 Anschlägen. Es gibt kaum eine Handlung, erzählt wird nur die Geschichte eines Hochsommertages. Es ist im Grunde ein eintägiges Gespräch über Literatur, Autoren, die Sprache und das Rätsel, warum einer so schreibt, wie er schreibt. Das Buch war nicht setzbar. Vor dem komplexen Layout mit seinen zahlreichen Randglossen kapitulierten die Setzer. Es wurde schließlich als Faksimile des Typoskripts veröffentlicht.
Bis heute streiten Literaturfachleute und Leser darüber, ob in „Zettels Traum“ das literarische Meisterwerk des Jahrhunderts steckt oder nur die zu Papier gebrachten psychotischen Halluzinationen eines Halbirren. Ganz sicher ist „Zettels Traum“ das schwierigste Werk in Schmidts insgesamt nicht immer einfachem Werk. Für viele, auch literaturinteressierte Menschen, gilt Schmidt als nahezu unlesbar. Aber das ist ein absolutes Fehlurteil. Leser, die sich auf ungewohnte Erzählstrukturen einlassen, die sich die Mühe machen über zunächst unverständliche Textstellen nachzudenken, Schmidts Assoziationen zu folgen, werden reich belohnt. Schmidts Beobachtungsgabe und sein scharfer Verstand sind bewundernswert, seine Sprache ist trotz oder gerade wegen ihrer individuellen Eigentümlichkeiten reizvoll und sein Humor erfrischend bizarr.
Sein Werk birgt ein Risiko: Wer einmal begonnen hat, Arno Schmidt zu lesen, läuft Gefahr, süchtig zu werden und nicht eher zu ruhen, bis das gesamte Werk gelesen in seinem Bücherregal steht.
Hans Gilles
Redakteur EchoNET
29.01.2011 |