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DU (WOLGA) FLIESST DURCH MEIN HERZ
 
Zum 90. Geburtstag von Woldemar Herdt
 
 "DU (WOLGA) FLIESST DURCH MEIN HERZ ..."
                      
 Wir waren erst ein Jahr Kollegen in der Zeitung "Rote Fahne" in Slawgorod (Russland), als Woldemar Herdt uns zu sich einlud. Er war Reisekorrespondent unserer Zeitung, bereiste die umliegenden Orte, recherchierte, schrieb Beiträge und schickte sie wöchentlich in die Redaktion. Die fast 200-Kilometer entfernte Stadt besuchte er höchstens vier Mal im Jahr. Nun waren wir bei ihm zu Gast. An einem Samstagmorgen im Juli 1972 brachte er uns mit seinem Motorrad mit Beiwagen in einen Hain in der Nähe seines Dorfes, um in der Natur seine "Wolga-Gedichte " zu lesen. Sie wurden in den Kriegsjahren während des Arbeitseinsatzes auf Papierfetzen und Birkenrinden geschrieben und konnten dreißig Jahre danach nicht veröffentlicht werden. Aber ein literarisches Werk braucht Leser, Hörer, Kritiker. Wo finden sie aber ein Werk, das Verbotenes zum Inhalt hat? Es kann nur Menschen vorgelesen werden, denen man vertraut.
             "Wir kamen an am Nordural.
              Man trieb uns ohne weiteres
              mit Flinten hinter Stacheldraht,
              als wär`n wir Halsabschneider.
So begann eines der Gedichte, das später in das preisgekrönte Poem "Wolga, Wiege unserer Hoffnung" Platz fand.
 
Um den Dichter zu verstehen, muss man in Dichters Lande gehen. Folgen wir diesem Rat. Geboren wurde Woldemar Herdt in Seelmann (Wolgagebiet) zu Weihnachten 1916, (im Lager hat man ihn jünger gemacht). Sein Vater, Alexander Herdt, war ein wissbegieriger Mensch, erlernte selbständig einige Sprachen. Vor Woldemars Geburt wurde er als Verwalter im Getreidehandel bestimmt, konnte die Revolution nicht verstehen und den neuen Machthabern nicht glauben.
Die Eltern hielten viel darauf, dass die Kinder eine gute Bildung bekommen. Nach Beendigung der Bauernjugendschule setzte Woldemar seine Ausbildung an der Pädagogischen Fachschule (Marxstadt) fort. Nach dem Examen war er bis zur Deportation (1941) Lehrer an Schulen. Noch als Schüler versuchte er sich in kleinen Szenen und humorvollen Untertiteln zu Karikaturen. Dann kam das Bedürfnis, sich in der Poesie zu äußern. Seine ersten literarischen Versuche wurden in der Pionierzeitung "Junger Stürmer" veröffentlicht.
 
1941 wurde W. Herdt mit Familie nach Sibirien deportiert, bald darauf zur Zwangsarbeit in den Nordural geschickt. Im Lager "Iwdel" erlernte er den Tischler-, später den Schlosser- und Dreherberuf, war Holzfäller und Plakatmaler. Er konnte gut zeichnen und malen. Viele Jahre besserte er seine spärliche Kasse mit Porträtmalen auf, denn schreiben konnte er damals nur für die Schublade. Ach, wie sehnte er sich nach dem geliebten Klang der Muttersprache, wenn die Zwangsarbeiter sonntagabends zerlumpt und verlaust vor den Baracken saßen und Episoden aus dem glücklichen Leben in der fernen Wolgaheimat erzählten.
Nach einer solchen Unterhaltung schrieb er mit "Herzblut" ein Gedicht. Es ging durch alle vier Baracken, bis ihm eines Tages eine russische Nachdichtung, unterzeichnet von Robert Glöckner begegnete
                               "Mutterlaut"
          "Man hatte  mich schuldlos der Jugend beraubt,
           von heimischer Scholle vertrieben.
           Nur Du warst mir heiliger Mutterlaut
           als Trost in der Fremde geblieben.                                  
           .....
           Ich wurde mit Dir hinter Stacheldraht
           von Läusen und Wanzen gebissen.
           Du warst in Verzweiflung mein einziger Staat
           auf hartem verkrusteten Kissen."
 
Die langen Schweigejahren für deutschschreibende Literaten haben W.Herdt mit Lebenserfahrungen und Lebenswahrheiten bereichert, so dass Gedichte, Erzählungen und Schwänke aus ihm wie aus einem Füllhorn prasselten.
 
"Herdt`s literarisches Schaffen ist sehr mannigfaltig" schrieben seinerzeit A. Hennig und F. Bolger. "Seine Gedichte kommen aus ehrlichem Herzen, kennzeichnen sich durch Kürze, einprägsame Bilder. An manchen Stellen ist er mehr Musiker als Dichter".
                Ein Walzer klingt vom Ufer her...
                Oh, Johann, Johann Strauß,
                machst Du den Abschied mir so schwer
                von meinem Elternhaus.
 
W. Herdt schrieb auch für die Kinder. Besonders beliebt waren seine Märchen und Tiergeschichten. In Prosa erschien auch sein größeres Werk, die Dokumentarerzählung "Brandmal". Sie entstand aus dem Tagebuch, das der Autor in den schlimmsten Jahren im Lager geführt hatte. Durch ein Wunder ist das Tagebuch nicht verbrannt worden und nach zwanzig Jahren zum Autor zurückgekehrt. Die Erzählung ergänzt das Poem "Wolga, Wiege unserer Hoffnung". Was sich in die gereimte Form nicht aufnehmen ließ, schrieb er in Prosa. Ohne Erschaudern kann man diese Aufzeichnungen nicht lesen.
            "Sing, Dichter, nicht von Wolgas blauen Fluten,
             solang vor mir der dunkle Urwald stöhnt!
             Du lässt mein Herz aus Deiner Harfe bluten,
             mein krankes Herz, das sich schon totgesehnt."
Sein krankes Herz... Es schlägt nicht mehr. Eine Woche vor seinem 80. Wiegenfest hat es im schneeverwehten Sawjalowo (Sibirien) aufgehört zu schlagen.

 Emma Rische 

 
 
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