Da streiten sich zwei mit Ausdauer, wer Recht und wer Unrecht hat. Jeder nimmt für sich in Anspruch, im Recht zu sein, gibt dem Gegenüber die Schuld, das Unrecht, den Schwarzen Peter. Wer kennt das nicht?
Da mischt sich ungefragt ein Dritter ein, um zu schlichten, und sagt besänftigend zu einem der beiden Kampfhähne: “Hör doch auf mit der Streiterei, der Klügere gibt nach“ und appelliert damit sowohl an die Großmut als auch an die Eitelkeit des Angesprochenen. Denn wenn er jetzt nachgibt, ist damit bewiesen, das er der Klügere ist.
Nicht immer sind Sprichwörter der Weisheit letzter Schluss.
Da ist vielleicht der Klügere von seinem Gegenüber in einen Streit verwickelt worden; vielleicht gehört dieser sogar zu den Leuten, die Streit suchen. Aus der Brille der Erfahrung betrachtet, dürfte er nicht unbedingt ein kluger Mensch sein. Aber wenn der Klügere um des lieben Friedens willen nachgibt, behält der Dümmere recht. Behält also unrecht, mit Dummheit gepaart, die Oberhand?
Dieses Sprichwort sollte – bei aller Weisheit, die sich in Sprüchen niedergeschlagen hat, mit einer gesunden Portion Misstrauen betrachtet werden.
Dr. Hannelore Schmitz |