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Heimaturlaub in Benin City
 
Der junge Oduma trifft in seiner nigerianischen Heimat auf die Quelle europäischer Probleme.
 
Mit frisch erlangtem roten Pass war ich sobald wie möglich nach Hause gereist, um mich in diesem Erfolg sonnen und beneiden zu lassen. Den Reisestaub von der Haut spülend hörte ich hinter der Betonmauer, die den Duschplatz umgab, erregte Stimmen.
Eine Nachbarin hatte ihre speckigen Arme in die üppig bepackte Hüfte gestemmt und redete mit erhobener Stimme auf eine eher verschüchtert wirkende Jugendliche ein:
„Was, du willst jetzt doch weggehen? Bist du vernünftig geworden? Lange genug haben dich ja deine Eltern bearbeitet. Nutzlos zu Hause rumhängen. Während andere Mädchen ihren Eltern ein Haus bauen!"
„Was hat sie vor, Mama Osaigbovo?", fragte ich. Nur mit einem ungefärbten Rapa um die Hüfte schlenderte ich hinüber zur Grundstücksgrenze.
Die Nachbarin schürzte etwas verächtlich die Lippen und schnalzte durch eine Zahnlücke. „Sie hat endlich ihre fünf Sinne zusammengekratzt und wird nach Europa gehen."
Ärger stieg mir zu Kopfe: „Wie will sie das denn bewerkstelligen? Ich habe doch schon mit ihrer Mutter gesprochen. Die Europäer werden sie umgehend zurückschicken. Es ist aussichtslos. Selbst wenn sie es schaffen sollte, wird sie keine Arbeit finden."
Ein mitleidiger Blick streifte mich, meine Gesprächspartnerin schnaubte durch die Nase und verzog sich wieder an ihren Waschtrog.
 
Das Problem war Dauerthema im deutschen Fernsehen: Jeden zog es fort! Glück hatten noch die, die statt in Nussschalen auf dem Mittelmeer abzusaufen, in anderen afrikanischen Ländern strandeten, weil sie nicht umkehren und daheim ihren Misserfolg eingestehen wollten. Alle lockte das schnelle Geld, das nach den Urlauberberichten dort auf der Straße lag.
Er winkte das Mädchen näher. „Wieso willst du dich auf so was einlassen. Ist dir dein Körper nichts wert? Du machst dich kaputt."
„Es widert mich an", gestand Mary, „der Gedanke fremde Männer an mir herumgrapschen zu lassen. Andererseits findet meine Schwester es mit ihrem Mann Francis ja angenehm. Vielleicht ist es nicht so schlimm, wenn man sich dran gewöhnt hat. Meine Mutter hat es eilig, seit meine Schwester mit fünfzehn schwanger geworden, die Schule hingeschmissen und die Hoffnung der Eltern auf eine gute Partie zunichte gemacht hat."
Wie kam die Tante dazu, dem Mädchen so etwas zu empfehlen? Europa hatte kein Interesse an schwarzen Kindermädchen. Meine deutsche Frau hatte selbst vor einiger Zeit vergeblich versucht, für eine Nichte eine Aupair-Stelle in Deutschland zu finden. Als der interessierten Familie bewusst wurde, dass es sich nicht um eine Auslandsdeutsche handelte, gingen sie nicht mehr ans Telefon. Ausschlaggebend war sicher die Angst, das Mädchen hinterher nicht mehr loszuwerden, oder sie dachten, sie hätten es mit Schleppern zu tun.
 
Aus dem Hintergrund maulte Mama Osaigbovo: „Bevor du auch noch mit Jungen hier rummachst, kannst du wenigstens dein Glück in Übersee versuchen. Schau dir im Viertel an, wie die Häuser aus dem Boden sprießen."
Es stimmte, wenn ich nach den Besitzern der zahllosen Rohbaufragmente fragte, hörte ich Frauen nennen. In ihren Hosen, die ihren ausgeprägten Steiß noch extra betonten, und bauchnabelfreien T-Shirts, stellten sie nicht nur rausquellendes Taillenfett zur Schau sondern auch, dass sie nicht als Händlerin für Textilien ihr Geld gemacht hatten.
„Mrs. Orobator kann alles für mich in die Wege leiten. Gerade sind fünf Mädchen abgereist. Sie kennt jemanden, der mir weiterhelfen kann. Die Tante war mit mir in der Siluko Road. Kai, geschliffener Steinfußboden im Salon, Gardinen und geschnitzte Möbel. Ein Palast! Mrs. Orobator will 15.000 Naira. Ich müsste eine Weile bei ihr wohnen, um die Sprache ein bisschen zu lernen. Natürlich muss ich noch abnehmen. Europäer wollen keine dicken Frauen", fügte Mary hinzu. „Ich habe gleich mit dem Sprachunterricht angefangen, Onkel. Willst du mal hören? Muschi, Kondom, Blasen, rückwärts, umdrehen", listete sie mit leuchtenden Augen auf.
Mich haute es aus den Socken, doch sie fuhr unbeirrt fort. „Wenn ich dann soweit bin, brauche ich auch andere Klamotten. Transport und Unterkunft kosten noch mal 70.000 Naira (700 Euro), die kann ich dann abarbeiten. Das habe ich im Nu wieder drin, sagte Mrs. Orobator. Einen Pass hat sie auch schon für mich. Der gehört jemandem, der in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis hat. Die Weißen können uns nicht unterscheiden. Für die sehen wir alle gleich aus."
In der Zeitung sprangen mir sofort mehrere Schlagzeilen entgegen: „Vierundsiebzig Prostituierte aus Italien abgeschoben“, „Edo, Mittelpunkt des Menschenhandels in Nigeria.“ Die betroffene Mutter einer als Prostituierte abgeschobenen Tochter äußerte: „Was soll sie hier wieder, ist hier etwa inzwischen eine Fabrik entstanden, in der sie Arbeit finden könnte?"
Mir wurde es schlecht.
 
Dr. Aide Rehbaum, Autobiografikerin
für EchoNet-Online-Redaktion
(aus: „In der Fremde ist das Haus dunkel.
Lebensgeschichte des Nigerianers Oduma“)
Die Autorin verfasst u.a. Lebensgeschichten für Jedermann
und lehrt kreatives Schreiben an der VHS Bonn.
www.aktenstaub.de
 
11.01.2010
 
 
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