
Einmal unterwegs in Köln habe ich ein Plakat gesehen mit einem Reiter auf einem Kamel - Überschrift:
"Ihr Beitrag zum Klima? Mehr Bus & Bahn fahren!"
Das Bild hat mich erinnert an die EU-Klimaschutzkonferenz in Bonn und eine parallele Aktion der Nichtregierungsorganisationen, zum Beispiel von Attac. Einer der Aktivisten sagte uns damals im Interview: "Es ist sehr, sehr großer Skandal, dass es billiger ist zu fliegen, als mit der Bahn zu fahren. Es ist billiger mit dem Auto zu fahren, als mit der Bahn. Wenn sich das nicht ändert, dann werden die Benzinpreise steigen, und die Leute müssen trotzdem Auto fahren.“
Aber es geht nicht nur ums Geld. Das Bild vom Reiter auf dem Kamel wirkt sehr symbolisch; der Reiter ist der Passagier - und das Kamel? Transportmittel: vielleicht die Deutsche Bahn?
Und tatsächlich gelten fürs Kamel keine Fahrpläne. Es ergibt keinen Sinn, mit einem Kamel die Verhältnisse klären zu wollen. Und außerdem besteht immer die Gefahr, von dem Kamel bespuckt zu werden. Das Kamel spuckt Menschen an, das wissen doch alle. In der ganzen Angelegenheit Deutsche Bahn gibt es etwas Irrationales, Mysteriöses, sogar Kafkaeskes. Gut, dass in Zeiten, als Kafka lebte, die Bahn nicht so war wie heutzutage. Der arme Schriftsteller war ohne Deutsche Bahn schon depressiv.
Manchmal stelle ich mir den Chef der Deutsche Bahn AG vor, wenn er hoch oben in seinem Turm am Fenster sitzt. Das Zimmer hat Fenster an allen vier Seiten, und man kann sehr weit sehen. Manchmal springt er auf und beginnt zu laufen, von einem Fenster zum anderen, bleibt plötzlich stehen und guckt in die Ferne. Manchmal klingelt das schwere, schwarze Telefon, sein Gesicht verzieht sich, aber er nimmt den Hörer nicht ab.
Woran denkt er? Wahrscheinlich, ob nicht gerade die Zeit gekommen sei, die Preise der Tickets wieder zu erhöhen. Wirklich - jahrelang - außer der Tatsache, dass sich die Preise ständig ändern, lief es bei der Deutsche Bahn AG immer gleich. Die Züge sind oft verspätet, fallen manchmal sogar aus. Viele Menschen sind unzufrieden und immer wieder wird um Verständnis gebeten. Auch neulich, als ich am Bonner Hauptbahnhof vorbeikam, hörte ich, wie um Entschuldigung gebeten wurde. Stopp! Wahrscheinlich war dem Chef doch etwas Neues eingefallen. Na gut, ich begrüße die Neueinführung.
Ich entschuldige die Deutsche Bahn, ohne eine Sekunde zu zögern, bin auch nicht perfektl. Aber ich bin großzügig. So, und die DB? Ein Beispiel: Sollten Sie ohne reguläres Ticket - also der Definition nach schwarz - fahren, müssen Sie Strafe zahlen. Sie können argumentieren, wie sie wollen, dass es ein Notfall ist, dass Sie ihr Ticket in der anderen Jacke gelassen haben, dass Sie eigentlich mit dem Fahrrad fahren wollten, aber wegen des Gewitters mit dem Zug fahren mussten. Die DB fordert Strafgeld von Ihnen. Sie müssen zahlen.
Und jetzt die andere Seite. Sie fahren von Koblenz nach Bonn, alles bezahlt. In Remagen bleibt der Zug stehen. Das Gewitter ist schuld, sagt die DB. Wir haben vergessen, die faulen Bäume wegzuschaffen, heißt es dann, und jetzt liegen Bäume auf den Schienen. Erhalten Sie irgendeine Entschädigung? Also, die DB gewinnt immer. Oder können wir mit den Füßen abstimmen? Blödsinn. Die Schuhe sind auch nicht so billig. Es bleibt nur mit dem Hintern - ich meine mit dem Auto - abzustimmen. Und das tut man.
Zum Beispiel diese Geschichte mit Remagen und Gewitter:
Es war am Samstag, den 3. Juli, gegen 15.00 Uhr nachmittags. Wir waren von Koblenz nach Bonn zu fünft, drei Frauen, zwei Männer. Wie gesagt, der Zug blieb in Remagen stehen. An diesem Tag, um 16.00 Uhr, spielte die Deutsche Nationalmannschaft gegen Argentinien. Wir wollten dabei sein, aber die vom Lokomotivführer angekündigte "unbestimmte Zeit" passte nicht dazu. Wir fuhren also mit der Fähre ans andere Rheinufer nach Erpel, um den Zug nach Bonn-Beuel zu erwischen.
Als wir durch die stinkende Unterführung zu unserem Gleis kamen, zeigte sich, dass der Zug erst in einer halben Stunde, also gegen 16.00 Uhr kommen würde. Und tatsächlich, der Zug kam pünktlich, aber es hieß, dass er nur bis zur nächsten Haltestelle fahren würde. Und dann lagen wieder Bäume auf den Schienen. In Unkel, der nächsten Station, erfuhren wir, dass der einzige Bus nach Bad Honnef gerade weg war. Dort hätte man weitere Verkehrsmittel erreichen können. Der nächste Bus würde erst in einer Stunde fahren. Wir waren etwa 20 Leute, vor dem geschlossenen Bahnhof!
Es regnete in Strömen. Manche waren mit Kindern und Gepäck unterwegs. Sie wollten zum Flughafen. Aus den Fenstern gegenüber vernahmen wir Rufe, Geschrei: - Tor! Für wen? Wir wussten es nicht. Eine Frau sagte: "Ich wünsche, dass Deutschland verliert!" Und dann donnerte es - selbst der Himmel war über diese Worte entsetzt - ich auch.
Es regnete immer weiter. Leute telefonierten, und dann kamen Autos und brachten Rettung. Es kam auch eins für uns: eine Dame unserer Gruppe hatte ihren Mann erreicht. "Wir sind zu Fünft", sagten wir. "Der Fünfte zählt nicht", sagte der Gute. Und ein paar Minuten später saß ich auf den Knien einer mir kaum bekannten Frau und fuhr durch strömenden Regen Richtung Beuel. Die letzten zehn Minuten des Fußballspiels habe ich noch erwischt. Danke, Auto. Deutschland hat gewonnen.
Zurück zur Eisenbahn. Die Zeiten von Verständnis sind vorbei, und jetzt kommt die Epoche von Entschuldigungen. Es kommt, sozusagen, die Entschuldigungsbahn. Von heute an müssen wir die Bahn entschuldigen, genau so, wie die Frau eines Frauenhelden, die ihren Mann immer und immer wieder bei Seitensprüngen erwischt, ihn jahrelang entschuldigt.
Wie sollen wir uns zu unserem Enfant terrible stellen?
Ganz einfach! Wir halten uns eine solche Bahn absichtlich. Das alte Klischee der Deutschen passt heute nicht mehr. Wir sind keine Pedanten mehr. Wir sind selbstironisch und lustig geworden. Ein bisschen Unordnung macht uns Spaß, wir haben nichts dagegen. In der Frage "Deutsche Qualität" bleiben wir fest wie früher, aber wenn es um die Deutsche (Entschuldigungs-)Bahn geht... Ein bisschen Spaß muss doch sein. Und überhaupt, wir fahren mit dem Auto.
Ich habe kein Auto. Tut mir leid. Besonders leid tat es mir, als ich meine Frau vor ein paar Wochen zum Flughafen Köln-Bonn begleitete. Zwanzig Minuten von Bonn-Beuel mit dem Regionalzug kosteten uns 20 Euro. Genau so viel kostete das Flugticket von Germanwings nach Wien.
Wäre ich ein Anhänger von Verschwörungstheorien, würde ich glauben, dass unsere Dolce Bahn von der Automobilindustrie bestochen wird. Aber dann wäre es auch so in Italien, und so ist es nicht. In Italien ist der Zug mehr als dreimal billiger. Ich fahre vom Flughafen Köln-Bonn zurück nach Bonn-Beuel. In Troisdorf bleibt der Zug stehen. Ich höre ein Handygespräch: "Ich bin im Zug, wir stehen in Troisdorf, etwas ist passiert. Ich komme später." Wir fahren weiter. Mir fallen ein paar trockene Bäume, eigentlich die Stämme links in Fahrrichtung auf, die nächsten Kandidaten, sich auf die Schienen zu legen.
Endlich sind wir in Bonn. Nur zehn Minuten Verspätung. Nichts zu meckern. Keine Bitte um Entschuldigung. Und es ist gut so. Meine Großzügigkeit ist verschwunden. Aber der Gerechtigkeit bleibe ich treu. Und gerechtigkeitshalber muss ich sagen, dass - wenn es um den Flughafen geht - gefallen mir die Stadtwerke Bonn auch nicht besonders gut. Am ersten Weihnachtstag fährt der erste Bus zum Flughafen erst gegen neun Uhr, vier Stunden später als gewöhnlich. Wären die Intervalle wenigstens alle zwei Stunden, beginnend uum 5.00 Uhr, wie sonst auch, wäre es nicht so dramatisch. Aber jetzt, nicht weniger als hundert Busfahrgäste - hundert frisch bespuckte Kamelreiter - müssen sehnsüchtig an eigene Autos denken.
MARK LEVIN
Redakteur EchoNET
25.07.2010 |