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Die meisten Besucher Amsterdams aus Deutschland werden wohl am Hauptbahnhof ankommen, einem wirklich imposanten Gebäude, dessen äußere Gestaltung im französischen neogotischen Stil zur Bauzeit (1889 fertig gestellt, auf einer eigens dafür gebauten Insel) heftig umstritten war. Heute wird der Hauptbahnhof übereinstimmend zu den schönsten Gebäuden der Stadt gezählt. Es fällt sofort das niedrige Durchschnittsalter auf - tatsächlich sieht man nur wenige Menschen über Dreißig. Der Fremdenverkehr ist ein wichtiger Wirtschaftszweig Amsterdams und konzentriert sich primär auf die Jugend.
Böse Zungen behaupten, dies sei ganz wesentlich darauf zurückzuführen, dass Drogen, hauptsächlich Haschisch, kurz Hasch oder „Hasj“ auf holländisch, in unzähligen so genannten „Coffee-Shops“ frei verkauft werden. Zwar sind der Handel und der Besitz von Drogen auch in den Niederlanden im Prinzip strafbar, sie werden aber geduldet. Dies gilt natürlich auch für den Genuss und so sieht man in den Straßen um den Hauptbahnhof herum schon morgens um 10 Uhr junge Menschen in Massen auf den Bänken und den Treppenstufen vor den Low-Budget-Hotels sitzen, die obligate Bierdose in der Hand und den ersten Joint des Tages rauchend.
Im Prinzip verboten, aber geduldet - das könnte fast ein Symbol der niederländischen Lebensauffassung sein. Dass dadurch auch der Fremdenverkehr gefördert und so satte Gewinne generiert werden, (die Hotelpreise in Amsterdam sind gesalzen) auch das entspricht der niederländischen Lebensauffassung. Hat doch schon Heinrich Heine geschrieben, dass die Formulierung "holländischer Kaufmann" einen Pleonasmus darstelle, weil jeder Holländer von Geburt und Neigung Kaufmann sei.
Befremdlich wirkt auf einen Nicht-Holländer der Umgang mit der Prostitution. Es gibt wohl keine zweite Stadt auf der Welt, in der, wie in Amsterdam, auf einem verkehrs- und traditionsreichen Platz, nur wenige Meter von dem ältesten Gotteshaus der Stadt, der „Oude Kerk“, entfernt, eine außerordentlich leicht bekleidete "Dame" in einem Schaufenster ihre Person und ihre speziellen Dienste anbietet - selbstverständlich nicht legal aber geduldet.
Aber Amsterdam hat natürlich auch völlig andere Anziehungspunkte zu bieten als Kiffer, Säufer und Nutten. Amsterdam ist schließlich eine Stadt mit einer langen Tradition und einem darauf basierenden, abwechslungsreichen, teilweise faszinierenden Stadtbild mit unterschiedlichsten architektonischen Erscheinungsformen. Das goldene Zeitalter (ca. 1585 bis 1670) war die Zeit, in der Amsterdam Handel mit der ganzen Welt betrieb und sich selbst infolge dessen als deren Mittelpunkt sah.
Der Hafen Amsterdams war der Nabel des Import-Export-Gewerbes. Hier gab es einfach alles. Die Amsterdamer Kaufleute (Motto: "Man braucht jemanden nicht zu lieben um mit ihm Geschäfte zu machen") häuften Reichtümer auf. Auch die rigide und rücksichtslose Ausbeutung der Kolonien (Indonesien, Sumatra u.a.) brachte gewaltige Gewinne. Diese wurden zum Teil in schlossähnlichen Häusern angelegt, die nach außen hin den Wohlstand der Bewohner demonstrieren sollten. Viele schöne Gebäude aus dieser Zeit, reich verziert mit unterschiedlichen Giebeln, Figuren und Ornamenten sind heute z.b. an der „Herengracht“ zu sehen.
Bei vielen dieser alten Häuser ragt ein Kranbalken aus dem Giebel. Da die Treppen in den alten Häusern in der Regel recht schmal waren, wurde bei Umzügen das Umzugsgut hinein und hinaus gebracht. Damit die Möbel dabei, an dem Kranbalken hängend, nicht so leicht gegen die Hauswand schlugen, wurden die Vorderseiten der Häuser mit einer leichten Neigung nach vorne gebaut, eine Bauweise, die bei Fremden immer noch leichte Furcht auslöst.
Neben dem mittelalterlichen Stadtkern zeigt Amsterdam aber auch eine verblüffend moderne Architektur. Elegant erhebt sich der stilisierte Schiffsbug des Wissenschaftsmuseums „Nemo“ aus dem Wasser, ein spektakulärer Entwurf des italienischen Stararchitekten Renzo Piano. Nicht weit davon entfernt prägen das geschwungene Passagierterminal für Kreuzfahrtschiffe und die transparente Konzerthalle „Muzikgebouw“ die Umgebung.
Eine weitere Attraktion Amsterdams sind die Grachten, Kanäle, die die Innenstadt durchziehen und der Stadt ein ähnliches Flair wie Venedig verleihen. Sie bestimmen zu einem Großteil das Gesicht der Innenstadt. Die drei größten und wichtigsten Grachten (Heren-, Keizers- und Prinsengracht) umschließen in drei Halbkreisen die Innenstadt. Früher spielte sich der Verkehr im wesentlichen auf dem Wasser ab. Die Stadt bestand damals aus vielen kleinen Inseln, die nur über Brücken miteinander verbunden waren. Die kleineren Grachten, von großen Baumalleen umgeben und von Wohnbooten gesäumt, zeigen häufig ein idyllisches, erholsames Bild in einer modernen Großstadt.
Wenn man allerdings diese Idylle in Ruhe, irgendwo am Straßenrand stehend, genießen will, muss man aufpasse. Lautlos naht nämlich häufig das allgegenwärtige Amsterdamer Verkehrsmittel: das Fahrrad, holländisch Fietsen genannt.
Nahezu keine halbwegs bedeutende Straße ohne Fahrradweg. Es hört sich paradox an: in Amsterdam gibt es ein regelrechtes Parkproblem für Fahrräder. Die Stadtverwaltung versucht Abhilfe zu schaffen durch den Bau von Parkhäusern und Parkplätzen nur für Fahrräder. „Fietsenstalling“ auf holländisch genannt.
Amsterdam ist sicherlich eine Stadt voll kultureller, historischer und städtebaulicher Attraktionen. Dennoch konnte Amsterdam für den Verfasser nie die gleiche Anziehungskraft entfalten wie andere Städte, z.b. Rom, Venedig, Wien oder Lissabon. Vielleicht ist es bei Städten ähnlich wie bei Menschen: die Zuneigung zu einer Stadt ist, wie die Zuneigung zu einem Menschen, subjektiv, emotional, auf unterschwellige und unbewusste Prägungen zurückzuführen und deshalb nicht rational begründbar.
Hans Gilles
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