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Quergedacht - Alles Gute, Heiner Geißler
 
Er ist scharfzüngiger Jurist und Mitglied bei Attac. Heute nun wird der frühere CDU-Generalsekretär 80 Jahre alt - genau einen Monat vor seinem langjährigen Freund und späteren Gegner Helmut Kohl.
 
Zum 80. Geburtstag beschenkt sich Heiner Geißler selbst mit Aufmerksamkeit in den Medien. In der Frankfurter Rundschau greift der CDU-Politiker, der als einer der letzten großen Charakterköpfe der Politik gilt, die katholische Kirche an und fordert sie zu einer Abkehr von ihrer "verlogenen Sexualmoral und Körperfeindlichkeit" auf. Das seien "Irrlehren", sagte Geißler. Die Kirche nehme in Sexualfragen für sich eine sehr hohe Moral in Anspruch. Aber sie müsse endlich "von ihrem hohen Ross herunter", damit sie nicht noch mehr von ihrer Autorität verliere, so Geißler weiter.
 
Heiner Geißler gilt auch heute noch, wo er schon lange kein wichtiges Amt mehr bekleidet, als prominentester Querdenker der CDU. Der frühere CDU-Generalsekretär gehört mittlerweile der globalisierungskritischen Organisation Attac an. Scharfzüngig setzt er sich für ein gerechteres Wirtschaftssystem ein. Auch wenn er weiterhin CDU-Mitglied ist, hat er doch viele Anhänger in linken Kreisen. Aufsehen hat jüngst sein Vergleich von FDP-Chef Guido Westerwelle mit einem Esel erregt. Aber auch als Schlichter in Tarifkonflikten - etwa am Bau oder bei der Bahn - hat sich Geißler einen Namen gemacht.  "Ich nehme weiterhin Stellung zu wichtigen politischen Fragen. Das lasse ich mir nicht verbieten", sagt der Politiker. Geißler hält Vorträge, meldet sich in den Medien zu Wort, ist häufiger Gast in Talkshows und schreibt Bücher.
 
Der promovierte Jurist mit den markanten Gesichtszügen war vorübergehend Mitglied des Jesuitenordens, dann Amtsrichter und Sozialminister in Rheinland-Pfalz unter dem Ministerpräsidenten Helmut Kohl. 1977 wurde Geißler CDU-Generalsekretär. Der passionierte Gleitschirmflieger, der 1992 einen Absturz schwer verletzt überlebte, attackierte SPD und Grüne scharf. In der Nachrüstungsdebatte erregte er Aufsehen mit der zweifelhaften Aussage: "Ohne den Pazifismus der 30er Jahre wäre Auschwitz nicht möglich gewesen." Nach Helmut Kohls Wahlsieg 1982 wurde Geißler Bundesfamilienminister. Der Sozialexperte arbeitete an einem neuen Image der CDU als moderne Programmpartei. Daher kam es zwischen den Machtmenschen Geißler und Kohl nach und nach zu Spannungen. Beim Bremer Parteitag 1989 musste der "Verfechter eines klaren Kurses der Mitte" sein Amt des Generalsekretärs dann auch abgeben. Fortan nannte Geißler den Personenkult um Kohl ein "Erzübel der Partei". Bis 1998 war er Fraktionsvize im Bundestag, von 1994 an Mitglied im CDU-Bundesvorstand. 2002 zog er sich aus dem politischen Tagesgeschäft zurück.
 
Seit langem beschäftigt sich Heiner Geißler mit der sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich. "Wir brauchen eine neue Einheit der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Sonst führt die totale Ökonomisierung der Gesellschaft zu einer völligen Umkehrung der Werte." Ist zu wenig Geld für Soziales verfügbar? "Unsinn", sagt das Attac-Mitglied. "Es gibt Geld wie Heu auf der Welt, es ist nur falsch verteilt." Helfen könne eine Börsenumsatzsteuer. Immerhin würden jeden Tag über zwei Billionen Euro an den Börsen bewegt.
 
Zu seinem Vergleich von FDP-Chef Guido Westerwelle mit einem Esel nach dessen Äußerungen über "spätrömische Dekadenz" im deutschen Sozialstaat sagt Geißler: "Caligula hat in Wirklichkeit ein Pferd ernannt, das wusste ich schon. Aber ein Esel hat besser gepasst und gehört ja auch zur Gattung der Pferde." Zum Thema selbst fügt Geißler hinzu: "Westerwelles Äußerung ist unerträglich. Nur zwei bis drei Prozent der Hartz-IV-Empfänger beziehen missbräuchlich Leistungen. Man kann nicht 97 Prozent dermaßen demütigen, das stört das soziale Klima einer zivilen Gesellschaft."
 
Geißler Wunsch für die eigene Zukunft? "Ich will fit bleiben, um weiter in den Bergen klettern zu können." Für den Sommerurlaub in den Alpen trainiert er wieder "in einem der schönsten Kletterparadiese Deutschlands", dem Dahner Felsenland vor seiner Haustür im südpfälzischen Gleisweiler. Seinen Geburtstagswunsch erfüllte sich der begnadete Bergsteiger bereits gestern Abend mit einem Symposium in Berlin. Dort diskutierte Geißler mit Deutschlands bekanntestem Philosophen Peter Sloterdijk über die "Grundlagen der humanen Gesellschaft". Auch hier fand er klare Worte zu zahlreichen gesellschaftsrelevanten Themen und unterstrich abermals, dass er auch weiterhin DER Sozialpolitiker der CDU ist. 
 
THOMAS DOGEN
Chefredakteur
Online-Redaktion
 
03.03.2010
 
 
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