Da lauern sie wieder, grau und unscheinbar gekleidet, eine Kopfbedeckung bis tief ins Gesicht gezogen. Sie schreiten gemächlichen Schrittes über die Kieswege, bleiben ab und an stehen, falten fromm die Hände wie zum stillen Gebet. Aber sie sind nicht still, angestrengt wandern ihre Augen hin und her, spähen auf jeden Besucher, jede Einzelperson, jede Handtasche. Und zwischendurch auf die frisch gemachten Gräber, Blumensträuße, extravagante Gestecke oder frisch gepflanzte Edelgehölze. Unruhig wandern die Blicke, begierig alles in sich aufnehmend. 
Dann gehen sie weiter, fünfzig, sechzig Meter, um die Ecke, hinter ein Gebüsch oder eine alte Grabanlage. Wieder der gleiche Ablauf. Bis, ja bis sich der frömmelnde Friedhofsgänger verwandelt. Verwandelt in ein Raubtier. Blitzschnell schlägt er zu, ergreift im Vorübergehen die Handtasche der alten Dame, trägt ein besonders gelungenes Gesteck davon oder ergattert sonst wie Verwertbares. Das alles geht so schnell, dass die Opfer erst nichts bemerken, und wenn, dann ist die unscheinbare Person längst im Netz der Wege verschwunden. Sie kennen sich aus, die professionellen Friedhofsgänger. Und jetzt ist wieder Saison!
Walter Heep |