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Kennen Sie Bayreuth?
 
Nur Richard Wagner - oder mehr?
Gedanken zu Bayreuth, Wagner und den Festspielen
 
„Unter Bayreuth versteht man zunächst einmal jene institutionalisierte und kollektive Wagner-Adoration, die jedes Jahr im Juli und August stattfindet. Dabei ist Bayreuth nebenbei auch noch eine Stadt.
Das entgeht in der Regel selbst langjährigen Festspielbesuchern.“
Herbert Rosendorfer
 
Wenn man einen deutschen Normalbürger die Frage stellt, „Kennen Sie Bayreuth?“, wird mit Sicherheit eine Antwort kommen etwa in dem Sinne: „Ja, das ist doch die Stadt, in der immer der Wagner gespielt wird.“ Eine naheliegende Antwort, denn die Medien sind zurzeit - die diesjährigen Festspiele haben soeben begonnen - voll von Berichten über die Festspiele und vor allen Dingen über deren Besucher. Die Antwort ist also nicht falsch, aber eben auch nicht ausreichend.
 
Kommt ein Bonner erstmals nach Bayreuth, so wird er zunächst durch zahlreiche erstaunliche Parallelen zwischen Bonn und Bayreuth verblüfft (Nein, hier soll nicht darauf angespielt werden, dass Bonn sein Selbstwertgefühl ebenfalls aus der Ausbeutung eines großen, toten Musikers bezieht). Zunächst erstaunt, dass in Bayreuth genauso wie in Bonn permanent Straßenbau getrieben wird. Als der Autor dieses Artikels in Bayreuth weilte, stellte sich die Hauptstraße der Bayreuther Innenstadt, ein breiter, bayrischer Straßenmarkt, der über siebenhundert Jahre seine historische Dimensionen bewahrt hat, als eine einzige, überdimensionale Baugrube dar. Und dann erfährt der verblüffte Bonner Besucher, dass die Bayreuther, wie auch die Bonner, ein Stück ihrer erhaltenswürdigen Altstadt - in Bayreuth das Reitzenstein-Palais - abgerissen haben, um an seiner Stelle ein modernes, an Scheußlichkeit kaum zu übertreffendes Rathaus zu bauen (In Bonn soll es nun nach ca. 30 Jahren wieder abgerissen werden - zu Recht!). Selbstverständlich wird in Bayreuth - wie in Bonn - der landschaftliche Liebreiz der Umgebung durch Hochhäuser und monotone Wohnblocks geschmälert. Und auch für den Verkehr wurden ebenfalls Teile der Altstadt für neue Straßen geopfert. Man denke in Bonn nur an den Abriss der Godesberger Altstadt.
 
Sicherlich wäre Bayreuth ohne Wagner heute nur eine kleine (ca. 73.000 Einwohner), kaum bekannte Stadt im bayerischen Regierungsbezirk Oberfranken. Man mag zu Wagners Musik und zu der von ihm geschaffenen Götter- und Heldenwelt stehen wie man will. Befasst man sich mit Wagners Leben, dann muss man zugeben, dass dieser genialische, sächsische Schuldenmacher eine markante Persönlichkeit gewesen sein muss, ein Mann mit Charisma und Sex-Appeal.
 
Erstaunlich ist zunächst die Tatsache, dass Wagner trotz seines kleinen Wuchses, seines nicht vorhandenen guten Aussehens und seines penetranten sächsischen Dialektes ein Frauenheld sondergleichen war. Keine Frau in seiner Nähe war vor ihm sicher, selbst die Frauen seiner Freunde und Förderer nicht. Man denke nur an Cosima von Bülow, die spätere Frau Wagner. Oder an Mathilde Wesendonck, die Frau seines Freundes Otto Wesendonck, der Richard Wagner finanziell großzügig unterstützte und ihm ermöglichte, bis 1858 in Zürich zu leben und zu arbeiten. Selbst sein Tod soll angeblich durch eine Liebesaffäre verursacht wurden sein. Im Jahre 1883 lebte Wagner mit seiner Familie in Venedig im Palazzo Vendramin. Er soll dort eine Beziehung zu einer Sängerin unterhalten haben, die ihm nach Venedig nachgereist war. Seine Frau Cosima entdeckte diese Beziehung, machte ihm heftige Vorwürfe, über die sich Wagner derart erregte, dass er, der an Herzbeschwerden litt, wohl an einem Herzinfarkt starb. Eine passende Todesart für einen notorischen Frauenhelden?
 
Wagner war nicht nur ein Frauenheld, er war auch ein genialer Schnorrer, ein überragendes Pumpgenie. Zeit seines Lebens hielt er sich dadurch über Wasser, dass er jeden um Geld anging, der in seine Nähe kam. Obwohl ein ausgewiesener Antisemit , kannte er beim Schnorren keine Rassengrenzen, da war er Weltbürger. Während seiner Zeit in Paris, in arger finanzieller Bedrängnis, pumpte er auch den Juden Giacomo Meyerbeer an, damals der Herrscher des musikalischen Paris. Meyerbeer unterstützte Wagner großzügig. Er erntete allerdings keinen Dank. Im Gegenteil: In einem antisemitischen Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ zielte Wager vor allem auf Meyerbeer. Charakter war nicht Wagners Stärke.
 
Der stärkste finanzielle Unterstützer Wagners war König Ludwig II. von Bayern, der Wagner beim Bau des Festspielhauses durch hohe finanzielle Zuwendungen vor dem endgültigen Ruin bewahrte. Nur mit der Hilfe von König Ludwig II. konnte Wagner 1876 das Festspielhaus vollenden, einen Bau, über den der Spötter Herbert Rosendorfer schrieb: „Es vereinigt den Charme eines Oktoberfes-Zeltes mit der Leichtigkeit eines Gründerzeit-Bahnhofes.“ Besser kann man das Äußere des Festspielhauses nicht beschreiben. Aber - und damit muss man zur erstaunlichsten Tatsache bei Wagner kommen - seine Werke entwickelten und entwickeln bis heute eine unerklärliche Anziehungskraft auf die Großen dieser Welt aus Politik und Wirtschaft, die seit 1876 jedes Jahr in das Festspielhaus strömen. Es begann 1876 mit Kaiser Wilhelm I. und Ludwig II. von Bayern, der bereits erwähnt wurde. Und so ging es weiter durch die Jahrzehnte. Adolf Hitler, Josef Goebbels und andere Spitzen des nationalsozialistischen Staates waren regelmäßige, gern gesehene Gäste in Bayreuth und nutzten Bayreuth gerne zur Selbstdarstellung. Die Anziehungskraft auf Politiker hat nicht nachgelassen. Zur diesjährigen Eröffnung der Bayreuther Festspiele, selbstverständlich ein Medienereignis ersten Ranges, waren die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Außenminister Guido Westerwelle (FDP), Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), vier weitere Mitglieder des Bundeskabinetts sowie die bayerische Staatsregierung mit Ministerpräsident Seehofer an der Spitze vertreten.
 
Es ist sicherlich nicht angebracht, die Spitzen des heutigen demokratischen Staates mit Hitler, Goebbels und anderen Spitzennazis auf eine Ebene zu stellen. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, was unsere heutigen Spitzenpolitiker dazu bringt, sich wie die Nazigrößen in Bayreuth zur Schau zu stellen. Der einzige dem Autor bekannte Politiker, der das Bayreuther Spektakel strikt ablehnte, war Theodor Heuss, aber dieser Mann war auch ein anderes Kaliber als die vorhin erwähnten Politiker. Suchen diese nur die Nähe der in Mengen vorhandenen Kameras? Genießen sie das Gefühl, wieder einmal im Mittelpunkt zu stehen, zu beweisen, dass man zu den „Großen“ gehört? Oder ist es vielleicht eine unbewusste Identifikation mit Richard Wagner, den Thomas Mann wie folgt charakterisierte: „Wagner, das Pumpgenie, der luxusbedürftige Revolutionär, der namenlos Unbescheidene, nur von sich erfüllte, ewig monologisierende, rodomontierende, die Welt über alles belehrende Propagandist und Schauspieler seiner selbst.“ (rodomontieren: veraltetes Wort, bedeutet: prahlen, angeben, protzen, aufschneiden, sich rühmen, schwadronieren)
 
Sind diese Worte nicht auch eine zutreffende Beschreibung des Charakters und der Verhaltensweisen zahlreicher deutscher Spitzenpolitiker? Und ist das der Grund, warum diese wie Adolf Hitler und Josef Goebbels so gerne nach Bayreuth fahren? Ach ja, außer den Festspielen und Wagner gibt es auch noch die Stadt Bayreuth. Es gibt urige und gemütliche Reste der Altstadt. Und es gibt Spuren der großen Zeit von Bayreuth: das Alte Schloss; das Neue Schloss, eine typische Schöpfung des Bayreuther Spätrokoko und das Markgräfliche Opernhaus, geprägt von dem edlen Geschmack der Markgräfin Wilhelmine, mit einem geradezu überwältigenden Innenleben, sicherlich eines der schönsten Opernhäuser der Welt. Zahlreiche Museen fehlen nicht, neben dem - selbstverständlich - vorhandenen Richard-Wagner-Museum ein Franz-Liszt-Museum, ein Jean-Paul-Museum, das Freimaurer-Museum. Und für jemanden, der wenig Interesse an Kunst und Kultur mitbringt, bietet Bayreuth auch andere geschmackvolle Attraktionen: die fränkischen Bratwürste und das Bayreuther Bier sind vorzüglich. Kurzum: Auch ohne Richard Wagner lohnt ein Besuch in Bayreuth.
 
HANS GILLES
Redakteur EchoNET
 
04.08.2010 
 
 
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