 Kürzlich besuchte ich ein Seminar mit dem vielversprechenden Titel:
"Werden wir von Engeln getragen?"
Man hört wenige Engelsgeschichten. Auch die Bibel besagt nicht viel. Lediglich die Erzengel werden benannt. Bei einer Kirchenführung durch die Elisabethkirche in Bonn wurde von Engeln verschiedener Rangstufen erzählt, es soll sechs oder sieben geben. Auf höchster Stufe die Erzengel. Aus Kinderzeiten kennt man den Begriff Schutzengel.
Um es kurz zu machen, ich war interessiert weiteres über Engel zu erfahren. Eine Institution der Erwachsenbildung in Bad Godesberg, es war nicht die Volkshochschule, bot Aufklärung an.

Ich meldete mich also an. Der Dozent, wenn man ihn hier so nennen darf, kam schon einmal eine halbe Stunde zu spät. Ungefähr 30 Menschen warteten mehr oder weniger ungeduldig auf sein Erscheinen. Natürlich kamen mehr Frauen als Männer, wie das bei Veranstaltungen der Erwachsenbildung immer so ist. Mir schien es, wie wenn ich die einzige Neue im Kreise wäre. Alle die neben mir saßen, hatten schon einmal ein Seminar mit ähnlichen Inhalten besucht und kannten den Vortragenden. Ich befürchtete schon, er würde überhaupt nicht mehr erscheinen, als eine halbe Stunde vergangen war und niemand berichtete, ob er noch kommen würde oder nicht. Ich wollte eben wieder gehen. Doch dann, still und leise betrat er den Raum -. ein Mann mittleren Alters, leicht ungepflegt wirkend, mit dünnen längeren zerzaussten Haaren, blass und fahl war sein Gesicht. Aber das Äußere war wohl für ihn nicht wichtig. Jemand flüsterte mir zu, er käme mit dem Fahrrad.
Er hielt es nicht für notwendig, auch nur ein Wort über sein zu spät kommen zu verlieren, sondern begann mit seinem Thema. Es war ihm bewusst, auf einen Mann wie ihn warteten seine Anhängerinnen geduldig. Er setzte voraus, man kannte ihn. Ich erlaubte mir trotzdem kurz zu fragen, wer er sei und er stellte sich namentlich vor. Zum Einstieg ein paar kurze Sätze über die Existenz von Engeln und anderen himmlischen Wesen.
Weiter ging es jedoch mit seinem Primärthema und dies war ein anderes: Nicht die biblischen Gestalten, sondern verstorbene Rechtschaffene aus allen Jahrhunderten. In vielen Sätzen behauptete er, jedem jetzt noch lebenden Menschen stünden ein oder mehrere himmlische Helfer zur Seite, eine Art Schutzengel. Diese beeinflussten die Menschen, aber nur im Guten. Jemand fragte, ob es auch negative Einflüsse gäbe, nein, nur Positives. In der Stille und wenn man sich darauf konzentrierte, könne man ihre Stimmen im Innern hören. Man müsse es aber wollen und zulassen. Ich machte mir so meine Gedanken. Jeder von uns hat schon mal eine innere Stimme gehört. Ich vermutete dabei aber, es wäre meine eigene, die sich nach intensivem Nachdenken und Abwägen ein eigenes Urteil gebildet hatte.
Nicht unsere Vorfahren und Ahnen sind es, die Gott uns zur Seite stelle, um den Alltag besser zu bewältigen, sondern ganz fremde Personen aus völlig anderen Jahrhunderten, die wohl ein gutes und gottgefälliges Leben geführt hatten und nun Schutzpatrone geworden wären.
 Er meditierte mit gesenktem Kopf im leicht abgedunkelten Raum und niemand wagte sich auch nur zu husten. Dabei hatte er wohl eine Eingebung von seinem vor Jahrhunderten verstorbenen himmlischen Helfer. Es sei der Heilige St. Germain erklärte er seinem Publikum. Er stehe ihm schon seit vielen Jahren zur Seite. Er kenne ihn sehr gut, da sie täglich Zwiegespräche hielten. Eine Dame wollte wissen, ob dies lebenslang so ginge. Nein, die Helfer und Beistände könnten auch nach Jahren einmal ausgewechselt werden. Oftmals hätte man auch mehrere Helfer für verschiedene Zwecke der Eingebungen. Einer unterstütze vielleicht die Denkfähigkeit, ein anderer helfe Gutes zu tun und ein Dritter schenke Ausdauer und Geduld.
Dabei kam mir der Gedanke, dass sie manchmal ziemlich versagen müssen, zum Beispiel wenn schwere Unfälle passieren. Warum retteten sie ihre von Gott Anvertrauten nicht? Warum keine Erkenntnis von gefährlichen Situationen? Eine Pause wurde eingelegt.
Ich sprach mit meiner Nachbarin, die mir erklärte, sie käme immer wieder zu seinen Seminaren, die übrigens nicht billig waren, und sie würde auch seine Bücher lesen. Sie schöpfe ihre Kraft daraus. Aus der angeregten Unterhaltung von Anderen hörte ich, dass er wohl seine Anhängerschaft haben mochte.
Nach der Unterbrechung ging es in der gleichen Richtung weiter, aber mit viel stärkerem Tobak. Dies veranlasste mich, ihn zu unterbrechen und zu fragen, ob er einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft angehöre. Das wollte ich nun doch wissen! „Nein“, erwiderte er zuerst und dann verbesserte er sich, indem er behauptete: „Ja, er sei katholisch“. „So viel mir bekannt ist“, entgegnete ich, „gibt es weder im katholischen noch im evangelischen Glauben e i n e Reinkarnation, also keine Wiederkehr auf Erden“, wie er dies von seinen himmlischen Helfern ständig behauptete. Sie wären nicht sichtbar, aber sie seien da, auf Weisung zurück gekehrt auf den blauen Planeten. Sie könnten manchmal sogar Gestalt annehmen und uns begegnen. „Das geht aber nicht mit der Kirchenlehre konform“, warf ich ein. .Er ließ sich von mir nicht weiter „stören,“ überhörte meinen Einwand und fantasierte weiter.
Jemand erlaubte sich zu fragen, woher er dies denn alles wisse. Durch jahrelange Meditation und er habe seine Erfahrungen gemacht. Es würde hier und jetzt aber zu weit führen, dies ausführlicher zu berichten. Nun gut ! Damit mussten wir uns zufrieden geben. Man könne ja seine Bücher lesen.
 Von Engeln wurde nichts mehr berichtet. Er schwärmte nur noch von den himmlischen Helfern die Gott, ja so wurde behauptet, uns schickte. Niemand wagte zu widersprechen, ja nicht einmal eine diesbezügliche Frage zu stellen. Mir selbst brannten viele Fragen auf den Lippen, aber er ließ sich nun nicht mehr unterbrechen. Dann berichtete er von einem „Fall.“ Eine Frau hatte sich so hineingesteigert und ständig die himmlischen Stimmen gehört, die sie nicht mehr los ließen und ihr ständig Befehle gaben. Schließlich musste sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Statt eine richtungweisende Hilfestellung zu sein, hatte seine „Lehre“ das Gegenteil bewirkt. „Die Geister die ich rief, wollten mich nicht mehr verlassen.“
Er gab uns Zeit selbst zu Meditieren und die eigenen Patrone anzurufen. In der Stille und bei völliger Dunkelheit, das Licht wurde ausgeschaltet, hielt ich meine Handtasche fest in Händen und statt einer Erleuchtung kamen mir nur viele Fragen in den Kopf.
Nun waren die Zuhörer an der Reihe. Er wollte jedem Teilnehmer seinen Schutzpatron vorstellen. Das ging so: Er meditierte kurz und schon hatte er die gewünschte Erkenntnis parat. St. Germain scheint wirklich eine Schnell-Vereinbarung mit ihn zu haben!
Die Frau, die ganz außen in der Reihe saß, war die erste, die von seiner Eingebung erfuhr.Sie hätte als Beistand einen ganz weisen Mann, nämlich einen Berater des ägyptischen Pharao, ich weiß nicht mehr aus welcher Dynastie. Er beeinflusse sie in Klugheit und schenke ihr Intelligenz. Sie meinte, davon sollte sie aber mehr spüren, sie hätte manchmal im Leben viele ungelöste Probleme. Sie solle vertrauensvoll zu ihm rufen, das würde alles noch kommen. Sie hätte sich noch nicht intensiv genug beschäftigt. Gut, sie war zufriedengestellt.
Bei der nächsten Frau, war es ein Mönch aus dem Mittelalter der ihr zur Seite stand. Er sei sehr belesen und brächte ihr Ruhe. Sie freute sich und wollte sich noch heute mit ihm in Verbindung setzen.
Nun musste unser Möchtegern-Prophet schon etwas länger nachdenken, aber seine Fantasie war geradezu unerschöpflich. Ein römischer Befehlshaber eines gallischen Heeres wurde noch beordert und eine kluge Frau aus der italienischen Renaissancezeit. Er fand für jeden etwas Passendes und da er möglicherweise seine Anhängerinnen bereits kannte, konnte er sich ein ungefähres Bild machen, welche „Helfer“ ihnen gut tun würden. Ein warmer, aber trotzdem rechtschaffener und liebevoller Mensch war durch die ganzen Jahrhunderte nicht dabei.
Bis er mit allen Seminarteilnehmern durch war, war mir zu lang geworden. Ich wollte mir auch ersparen zu warten, bis ICH an die Reihe kam, denn ich saß am anderen Ende und wäre ziemlich zum Schluss dran gewesen. Sicher wäre ihm nichts mehr rechtes eingefallen. So beschloss ich diese Geisterbeschwörungssitzung zu verlassen.
Heute tut es mir leid, hätte ich doch, als er zu mir gekommen wäre, endlich Gelegenheit gehabt, ihn etwas mit meinen bewusst naiven Fragen in die Enge zu treiben und dann kontra zu geben. Wie hätten die anderen Teilnehmer reagiert, wenn ich ihn herausgefordert hätte? Aber nochmals Geld für solch eine Volksverdummung auszugeben liegt mir fern.
Von Engeln habe ich genauso wenig erfahren, wie ich vorher wusste, nämlich wenig. Es ist der ANZIEHUNGSPUNKT womit er viele ködert, scheint mir, und dadurch immer wieder Neugierige in den Kreis dazu kommen.
Ich stelle mir nur die Frage: Lässt sich die Kirche eine Verfälschung ihrer Lehre in dieser Art und Weise gefallen? Dies gilt für beide großen Kirchen in Deutschland. Darf in einer Demokratie jeder predigen was ihm gerade einfällt ? Ist das nicht auch gefährlich? Er hat sich nicht als Kirchenvertreter, jedoch als Angehöriger einer Religion vorgestellt. Ist dies sein Schutz? Bis heute fand ich keine Antwort darauf.
Kann man juristisch gegen solche Auswüchse vorgehen, derartige Seminare verbieten? Oder darf in einer Demokratie jeder seine Meinung, auch missionarisch darlegen? Dies ist keine Meinungsäußerung sondern bereits eine Lehre. Kein lebender Mensch weiß, was uns nach dem Tod erwartet, hier kann man sich nur auf den Glauben stützen. Aber welche Hoffnungen stärken Atheisten? Für mich persönlich wäre es verständlicher, die Ahnen um Beistand anzurufen, deren Gene in meinen Zellen weiter leben.
Mag sein, dass es für labile Persönlichkeiten hilfreich erscheint, einen starken „Helfer“ im Geiste zu haben, der sagt, was man tun soll und er oder sie damit den für sich persönlich „richtigen“ Weg finden kann. Es ist ja schon mancher „falsche Prophet“ aufgetreten. Wenn seine „Lehren“ zur besseren Lebensbewältigung helfen, sind seine Bücher zu kaufen und die Seminare zu besuchen, vielleicht preisgünstiger als eine Psychotherapie. Eine Erleuchtung durch den Heiligen Geist war diesem Herrn nicht bekannt.
Wenn mir jemand auf den Artikel antworten und seine Meinung dazu darlegen, möchte würde ich mich freuen.
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Romana |