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Das Berliner Schloss kommt - wer hilft mit?
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So lautet die Balkenüberschrift einer ganzseitigen Anzeige in einer Berliner Tageszeitung. Darunter die Namen von über 1000 Bürgerinnen und Bürgern aus ganz Deutschland. Sie alle ...
 

unterstützen eine Initiative des Fördervereins Berliner Schloss e.V., gegründet 1992 unter der engagierten Federführung seines Vorsitzenden Wilhelm v. Boddien.

Ein Schloss für Berlin? Eine verrückte Idee? Keineswegs. Bis 1945 war das ehemalige Berliner Stadtschloss das architektonische Zentrum Berlins, gelegen am Beginn der Prachtstraße „Unter den Linden“, die an ihrem anderen Ende mit dem Brandenburger Tor ihren Abschluss findet.

Das Stadtschloss auf der Spreeinsel war fast so alt wie die Stadt selbst, es war der Ausgangspunkt der Stadtentwicklung. Zur Zeit seiner Gründung im 15. Jahrhundert hatte Berlin gerade einmal 6.000 Einwohner, eine unbedeutende Provinzstadt also, vergleicht man sie mit damaligen Reichsstädten wie Aachen, Regensburg, Worms oder Köln.

Das Schloss bestand schon 250 Jahre, als der Kurfürst von Brandenburg, Friedrich III., als Friedrich I. 1701 sich selbst in Königsberg (heute Kaliningrad) zum König von Preußen krönte und damit gleichzeitig den Staat Preußen aus der Taufe hob.

Nun begann der Aufstieg Preußens, damals liberal im Denken – erinnert sei an die Freundschaft des bedeutendsten Königs Preußens, Friedrichs des Großen, mit dem großen Aufklärer Frankreichs, Voltaire. Man denke an die Liebe Friedrichs zur Musik – er selbst hat uns ein wunderschönes Flötenkonzert hinterlassen. Man denke auch daran, dass Preußen – ungewöhnlich für die damalige Zeit – allen Menschen Religionsfreiheit gewährte und die Einwanderung von Glaubensflüchtlingen, beispielsweise der in Frankreich verfolgten Hugenotten, förderte.

Mit dem Aufschwung Preußens begann eine große Bautätigkeit in und um Berlin herum. Erwähnt seien nur das Charlottenburger Schloss, benannt nach der Kurfürstin Sophie Charlotte, die 1699 hier in einem damals noch kleinen Dorf ein Sommerschlösschen errichten ließ. So wie Schloss Belvedere, von Friedrich Wilhelm II. im Schlosspark erbaut, in dessen Abgeschiedenheit sich der Monarch spiritistischen Geisterbeschwörungen hingab. Weiter das Jagdschloss Grunewald, das Märchenschloss auf der Pfaueninsel, Schloss Glienicke an der Havel, das Alte Landschloss in Britz usw. Aber Zentrum, architektonisch wie auch politisch, blieb immer das Berliner Schloss, des Königs Stadtwohnung. Von hier aus wurden mehr als 300 Jahre die Geschicke zunächst Preußens, später die des Deutschen Reiches, gelenkt.

Vollendet wurde dieses Schloss in seiner barocken Gestalt im 17. Jahrhundert durch den Architekten und Bildhauer Andreas Schlüter. Er beförderte Berlin damit in die vorderste Reihe der großen Kunststätten Europas. Erst der Großvater des ersten Königs in Preußen, der Große Kurfürst, hatte das Schloss zur Mitte der Stadt und des gesellschaftlichen und künstlerischen Lebens gemacht. Er zentrierte es optisch-symbolisch durch Alleen und Schneisen, die auf das Schloss zuführten, oder – vom Fürsten aus gesehen – von ihm ausstrahlten. „Unter den Linden“ gehörte dazu, der Lustgarten.

Auch die Innenräume des Schlosses waren großartige Schöpfungen der Innenarchitektur verschiedener Epochen Brandenburg-Preußens: Tausend Zimmer, Gold und Gobelins, Silber, Samt und Seide, Marmor und Mahagoni. An ihnen wirkten die bedeutendsten Architekten Preußens mit, denen Berlin viele noch heute zu bewundernde Baudenkmäler verdankt. Neben Eosander sind es vor allem Andreas Schlüter, Knobelsdorff, Langhans, Schinkel und Stüler. Diesen Namen begegnen die Besucher Berlins vielerorts. Einzig das Schicksal des großartigen Schlossarchitekten Andreas Schlüter endete traurig. Gerade noch hoch verehrt wegen seiner Genialität, stürzte ein von ihm konstruierter Turm ein. Schlüter fiel in Ungnade, wurde aus dem Hofdienst entlassen und ging – zutiefst enttäuscht – nach St. Petersburg, wo er für Zar Peter den Großen die Patte d’Oie einführte. (zu deutsch: dreigliedriger Gänsefuß. Ein architektonisches Bild für drei Alleen, die auf das Zentrum, das Zarenschloss, zuführen.

Das Berliner Stadtschloss war Zentrum auch der Meile zwischen dem Pariser Platz im Westen und dem Alexanderplatz im Osten. Der Pariser Platz erinnert an den Sieg über Napoleon durch Russland, Österreich und Preußen. Der Alexanderplatz an den Besuch des russischen Zaren in diesen Jahren.

Um das Schloss herum entstanden großartige repräsentative Bauten, die sich alle wie Satelliten auf das Schloss bezogen: Gegenüber der Dom, das Zeughaus, auch von Schlüter gebaut, das Kronprinzenpalais, das Alte Museum und die Friedrichswerdersche Kirche, beides Schinkelbauten. Sie alle bildeten ein Ensemble, dessen Kristallisationspunkt des Königs Stadtwohnung war.

Bis 1918. Da musste der letzte Hohenzoller, Kaiser Wilhelm II., abdanken. Er ging nach Holland, wo er seine letzten Jahre mit Gartenarbeit und Holzhacken zubrachte. Das Haus Hohenzollern war damit politisch bedeutungslos geworden. Das Schloss diente fortan als Museum sowie als Kunst- und Architekturverwaltungsstätte.

1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, wird das Stadtschloss stark zerstört, brennt aus. Aber nicht nur die Fassade bleibt erhalten und ist nach Meinung von Experten problemlos zu rekonstruieren. Noch 1946 fand im Weißen Saal des Schlosses eine große Ausstellung moderner französischer Malerei statt.

Doch der damalige Generalsekretär der sozialistischen Partei im inzwischen zweiten deutschen Staat DDR, dem die alte Stadtmitte Berlins zugefallen war, der vom Hass gegen die Hohenzollern beseelte Walter Ulbricht, entscheidet, das Schloss zu sprengen.

„Das Zentrum unserer Hauptstadt, der Lustgarten und das Gebiet der jetzigen Schlossruine, müssen zu dem großen Demonstrationsplatz werden, auf dem der Kampfwille und Aufbauwille unseres Volkes Ausdruck findet“. Das Schloss passte nicht in den Arbeiter- und Bauernstaat.

Proteste hatte es genug gegeben: „Wenn die Abrisspläne Wirklichkeit werden, dann sollte man dieser Stadt einen anderen Namen geben. Das, was hier geschieht, ist wohlüberlegter kaltblütiger Mord, so ein Museumsdirektor 1950.

Während der deutschen Teilung war an eine Diskussion über das geschleifte Schloss natürlich nicht zu denken. Sein historisches Umfeld existiert weitgehend heute noch, es wurde nach dem Krieg nach alten Plänen rekonstruiert. Aber auf das Gelände des Schlosses setzte die DDR-Regierung 1976 einen Neubau, den Palast der Republik, Sitz der Volkskammer und Zentrum kultureller Veranstaltungen. Ein modernistisch wirkender Beton- und Glaskasten, typisch für die Architektur der 70er Jahre. Als der „Palast der Republik“ 1990 wegen Asbestverseuchung geschlossen wird und man mit dem Abriss rechnet, rufen Bund und Länder einen internationalen Ideenwettbewerb für die Neugestaltung des freiwerdenden Platzes aus. 1.106 entwürfe aus 50 Ländern treffen ein und werden heftig diskutiert.

Da überrascht Wilhelm v. Boddien die Berliner und seine Besucher mit einer wundersamen Schlossansicht – er lässt 1993 eine Attrappe aus bemalter Kunststofffolie mit der Schlossfassade in genauer Größe an historischem Platz aufbauen. Das war beeindruckend. Und nun nimmt die Diskussion eine neue Richtung. Sollte man nicht das Stadtschloss wieder aufbauen? Diese sehr wirksame Werbeaktion für das Schloss erreichte zunächst zumindest, dass viele Leute nachdenklich wurden und sich Gedanken über die Gestaltung ihrer historischen Stadtmitte machten. Moderne Konstruktionen, wie sie sämtliche Entwürfe vorschlugen, hat Berlin zur Genüge. Und wer garantiert, dass sich ein noch so genialer Bau in das Historische einfügt?

So gewannen die Befürworter des Schlosswiederaufbaus mehr und mehr Anhänger. Aber auch erbitterte Gegner dieses Planes sind nicht verstummt. Von „Wiederaufleben preußischen Militarismus“ ist die Rede, von „Wilhelminischem Kitsch“, Disneyland wird angeführt und die „Sehnsucht der Kleinbürger nach Kitsch und alten Bildern“. Gegner finden sich vor allem auch unter den Architekten, die ihre zeitgenössische Kunst entwertet sehen. Gegner finden sich aber auch verständlicherweise unter den Anhängern der Nachfolgepartei der SED, der PDS, die nicht auf den Palast der Republik verzichten möchten. Verkörpert er doch ein Stück DDR-Geschichte und -Erinnerung. Aus Sicht führender Architekten stellt dieses Gebäude jedoch kein schützenswertes Kulturdenkmal dar.

Diskussion hin, Diskussion her, am 4. Juli diesen Jahres wurde vom Bundestag die Rekonstruktion des Schlosses mit seinen Barockfassaden beschlossen mit 384 zu 133 Stimmen! Eine Niederlage für die zeitgenössischen Architekten? Auf keinen Fall, sagt Architekt Bogdan Bogdanovic, bekannt vor allem durch seine Bücher zur Stadtarchitektur. „Ich bekenne, in diesem Punkt sehr altmodisch zu sein. Alles, was an historischen Bauten zerstört wurde, muss Stein für Stein wieder aufgebaut werden. Historische Bauwerke gehören zu den wesentlichen Bestandteilen des kulturellen Gedächtnisses einer Nation. Deshalb stellt die Eliminierung eine Attacke auf das Erinnerungsvermögen, die menschliche Psyche und zukünftige Generationen dar. Die Bewahrung der kulturellen Identität gehört zu den wichtigen Aufgaben der Länder und Nationen Europas“.

Ein historisch getreuer Nachbau einer Barockzeile wird natürlich deutliche Mehrkosten verursachen. 75 Millionen Euro werden geschätzt. Wer soll das bezahlen?

V. Boddien ist fest davon überzeugt, dass sich ein großer Teil finanzieren lässt – nach dem Vorbild der Dresdner Frauenkirche. Für deren Wiederaufbau wurde 1994 eine Stiftung gegründet, die bis heute schon 72 Millionen Euro gesammelt hat. Ähnliche Projekte und Bürgerinitiativen gibt es neuerlich auch in Potsdam für den Wiederaufbau der Garnisonskirche und des Potsdamer Schlosses, ebenfalls Bauten der preußischen Kurfürsten und Könige, sowie in Leipzig für die Universitätskirche.

Was hat eigentlich Herrn v. Boddien, selbst kein Berliner, dazu veranlasst, sich mit so viel Elan und Begeisterung für den Schlossaufbau einzusetzen? In einem Interview sagte er sinngemäß:

Man stelle sich vor, in Köln würde der Dom nicht mehr stehen oder in Wien nicht mehr der Stephansdom! Genau dieselbe Bedeutung hatte das Schloss für Berlin. Im übrigen sind Rekonstruktionen historischer Gebäude keine Seltenheit. 1902 beispielsweise stürzte auf dem M arkusplatz in Venedig der die Stadtsilhouette beherrschende Campanile ein. Er wurde kurz darauf aufgebaut. Zarenschlösser rund um St. Petersburg, von der dt. Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg verwüstet, entstanden neu. Und was wäre Warschau heute ohne seine historische Altstadt und sein Schloss, von den Nazis komplett dem Erdboden gleich gemacht, aber mit beispielloser Akribie von polnischen Restauratoren nach den alten Plänen wieder aufgebaut.

In Berlin wird neuerdings auch über eine Kombination von Schloss und einem Teil des Palastes der Republik nachgedacht. Denkbar wäre, den Plenarsaal des Palastes in die Innenbauten des Schlosses einzubeziehen. Dieses könnte, so einige Politiker, das immer noch schwierige Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland befördern und symbolisieren.

Diesen Zweck könnte im übrigen das gesamte Schloss erfüllen. Noch, so v. Boddien, ziehen sich Menschen in ihre Kieze zurück, wie die Stadtteile in Berlin heißen, die Stadt wächst nicht richtig zusammen. Ein Charlottenburger fährt nicht 30 km quer durch die Stadt nach Köpenick zum Einkaufen. Ebenso wenig wie ein Bonner aus Lessenich in Beuel seine Besorgungen macht. Aber am Rathausmarkt treffen sich alle. Ähnlich soll das Schloss für die Berliner wieder zum gemeinsamen Zentrum werden.

Irma Mews

Literatur zu dem Thema:

Hinterkeuser, Guido: "Das Berliner Schloss. Der Umbau durch Andreas Schlüter", Dissertation, 2003. 500 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. (erhältlich bei Bücher.de)

Petras, Renate: "Das Schloß in Berlin. Von der Revolution 1918 bis zur Vernichtung 1950", 2. durchgesehene Auflage 1999. 160 Seiten mit teilweise farblichen Fotos. (erhältlich bei Bücher.de)


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