„Jetzt fängt sie auch noch mit Bauchtanz an“.
Da ich an solche Äußerungen meiner Lieben seit langem gewöhnt bin, ließ ich mich dadurch nicht von meinem Vorhaben abbringen. Angetan mit einer etwas schlabberigen Hose und ungefähr passendem Oberteil, machte ich mich zum angegebenen Zeitpunkt auf den Weg, wohl wissend, dass ich weder durch mein Alter noch durch besondere Grazie für dieses Unternehmen qualifiziert war.
Beides jedoch spielte wohl keine wichtige Rolle, denn auch die anderen Teilnehmerinnen entsprachen der Vorstellung einer orientalischen Bauchtänzerin nur mäßig. Lediglich die dunkelhaarige Lehrerin verfügte über einen wohlgeformten Bauch, schlanke Taille und einen wunderschönen runden Po.
Bunte Tücher mit Fransen oder Pailletten lagen für uns alle bereit. Man bindet sie fest um die Hüften, um zunächst einmal ein Gefühl für die besondere Beweglichkeit derselben zu entwickeln. Und eben diese Hüften waren in den nächsten Tagen der Austragungsort unserer Bemühungen.
Da hieß es: Hüften seitlich bewegen (Pendeln genannt), Hüfte heben oder auch fallen lassen, und mit denselben kreisen. Nur wer das einmal mitgemacht hat, kann ermessen, dass in meiner Vorstellung ein Elefant über wesentlich mehr Grazie verfügt als ich. Aber es wurde mit jedem Mal besser. Die Fransen an unseren Tüchern begannen zu kreisen und die Pailletten glitzerten. Die mitreißende, rhythmische Musik tat ein Übriges, und bald hatte ich meine Komplexe vergessen und konnte mich ungeniert vom Rhythmus tragen lassen.
Wenn ich auch immer noch viele Fehler machte, so war das unwichtig geworden. Wir alle wussten, dass wir niemals große Tänzerinnen werden konnten, aber die Freude an der Bewegung, die schöne Musik und der Anblick unserer vollendeten Vortänzerin ließen uns alle Unvollkommenheiten vergessen. So gingen wir abends beschwingt und voller Vorfreude auf den nächsten Tag nach Hause. Dort klärte ich als erstes meine Familie darüber auf, dass beim orientalischen Tanz nicht der Bauch, sondern die Beweglichkeit der Hüften gefragt ist.
In den nächsten Tagen setzten wir die erlernten Bewegungen in Tanz um, lernten Schritte und Bewegungen zu koordinieren. Was wir bis dahin nur im langsamen Rhythmus geübt hatten, musste nun mit entsprechender Musik im schnellen Originaltempo absolviert werden. Kein leichtes Unterfangen, wenn man manchmal nicht mehr weiß, was rechts oder links, oben oder unten ist. Aber auch Lachen ist eine gesunde Bewegung, und so gaben wir uns dieser Übung mit Begeisterung hin.
Eine kleine Tanz-Choreographie war das Ergebnis unserer mehrtägigen Bemühungen. Auch dieser mangelte es erheblich an Eleganz und orientalischem Charme. Wir aber hatten ein Gefühl für unseren Körper entwickelt und einen kleinen Einblick in orientalisches Lebensgefühl gewonnen.
Am letzten Abend saßen wir noch gemütlich zusammen. Wir dachten an die Menschen, deren Musik und Tanz wir kennen gelernt hatten.
In uns entstand der Wunsch, ihnen gute Wünsche zukommen zu lassen, deshalb beendeten wir unser Tanzseminar mit einem langen türkischen Friedenstanz. Unsere gemeinsame Bewegung ließ eine Schwingung entstehen, die man beinahe mit einem Gebet um den Frieden vergleichen konnte.
Und das haben wir alle bitter nötig.
Maria Koch
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