 Sorgenvoll saß der Schäl ( Kölner Original, Anm. d. Redaktion) in der Kneipe seines Freundes Tünnes ( s.o.) und dachte darüber nach, wie das Schicksal ihm wieder mal arg mitgespielt hatte. Zugegeben, er hatte ein paar Bierchen zuviel getrunken in der gestrigen Nacht, denn der Freund hatte zu seinem Geburtstag alle treuen Stammgäste eingeladen. Als Schäl dann zu später Stunde nach Hause wankte und ein vorübergehender Mann ihm freundlich half, das Schlüsselloch an der Haustür zu finden, wusste er noch nicht, dass er sein Portemonnaie verloren hatte. Erst am Morgen danach wurde es ihm mit schrecklicher Gewissheit klar: das Geld war weg. Düstere Zukunftsvisionen brachen über ihn herein: seine Frau, „dat Marie“, würde ihm das Taschengeld sperren, er würde auf die mehr oder weniger große Spendierfreudigkeit seiner Freunde angewiesen sein und wenn die erlahmte, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Frau, den Fernsehen oder gar beide zu ertragen, während das Leben in der Stammkneipe auf Hochtouren lief.

Dem Tünnes brach fast das Herz, als er den Schäl so unglücklich da sitzen sah. „Warum gehst du nicht zum Heiligen Antonius. Der kann dir vielleicht helfen.“ Und mit gespielter Überzeugung setzte er hinzu: „Der hat schon vielen geholfen!“ Schäl sah ihn misstrauisch an. Wollte er ihn veräppeln? Doch es war ja bekannt, dass Antonius der Heilige war, zu dem die Leute beteten, wenn sie ihre verlorenen Sachen wieder finden wollten. Und manchmal schien es auch zu funktionieren, wenn der Heilige gut gelaunt war.
Auf dem Nachhauseweg, es war kurz vor Mittag, schlich der Schäl in die nahe Kirche und ging zu der großen Antonius-Figur, die auf einem Podest stand und nicht zu übersehen war. Als er sein Herz laut ausgeschüttet hatte, jagte er noch schnell ein Vaterunser hinterher und ging einigermaßen hoffnungsvoll nach Hause. Dieses Ritual wiederholte er nun jeden Tag. Auf die scheinheiligen Fragen seines Freundes Tünnes, ob der Heilige Antonius schon geholfen hätte, antwortete er nur mit einem barschen „Nä“.
Doch eines Tages war seine Geduld mit dem Heiligen am Ende. Wütend ging er in die Kirche, stellte sich vor die Antonius-Figur und rief: „Wenn ich ming Jeld net widdefinge, schlag’ ich dich kapott!“
Der Küster, der sich in einer Ecke mit dem Aufstellen von Kerzen beschäftigt hatte, erschrak. Der Schäl, dieser Rabauke, war imstande, die Figur zu zertrümmern und er lief eiligst zum Pfarrer, um mit ihm zu beraten, wie sie das verhindern konnten. Sie beschlossen, den großen Heiligen vom Podest zu nehmen und an seine Stelle einen kleinen, unscheinbaren Antonius zu stellen, der bisher in einer finsteren Seitennische ein wenig beachtetes Dasein gefristet hatte. So fand zu nächtlicher Stunde mit Hilfe von ein paar kräftigen Burschen aus der Nachbarschaft der Austausch der beiden Heiligen statt.
Am nächsten Tag wartete der Küster ängstlich hinter einer dicken Säule versteckt auf den zornigen Schäl. Es dauerte auch nicht lange, bis er kam. Er durchschritt forsch die Kirche und blieb dann verdutzt vor der kleinen Antonius-Figur stehen. „Saach, wo is dinge Vatte!“ rief er laut. Der Küster entfernte sich eilig, denn er konnte sein Lachen nicht mehr unterdrücken.
Ob der kleine Heilige dem Schäl geholfen hat, ist nicht bekannt. Aber Wunder gibt es immer wieder.
Anita Weydling |