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Liebreiz war es, was den jungen Familienvater beim wöchentlichen Wasserkästen-Bring-Service für seine alte Nachbarin mit Alter verband. Niemals wird er das verschmitzte Lächeln und das Augenzwinkern von Frau Klein vergessen, wenn sie ihm beim Weggehen etwas in seine Hand drückte und dabei flüsterte: „Mach dir domet jätt Freud, Jong.“
Wohlgestalt war’s bei Marie-Theres’ Großmutter, die erst vor einigen Jahren gestorben ist. „Nie hat sie sich im Alter gehen lassen. Sie war bis ins hohe Alter ein erfreulicher Anblick. Ihren Tagesablauf hat sie diszipliniert eingehalten. Ihr Ehrgeiz war es, das Haus sauber zu halten und die Bettwäsche blütenweiß im Schrank zu haben. Bei mir ist das keinesfalls so, aber ich weiß, dass es für meine Großmutter wichtig war, um „in Schönheit zu altern“.
Harmonie ist der Versuch, im Alter im Einklang mit sich selbst zu sein. Das Alter ist nicht der Scheideweg zwischen dem vorhergegangenen Leben und dem gegenwärtigen. Es ist vielmehr die Fortsetzung der Jugend bis zur gelebten Reifezeit. Jetzt kommt die Antwort auf die Einstellung zum Leben. Wurde das bisherige Leben wie ein steiler Berg, der zu besteigen ist, begriffen? Wie ein Strom, in den man eintaucht und langsam zur Mündung schwimmt, oder befindet man sich immer noch im undurchdringlichen Wald, in dem man herumirrt ohne genau zu wissen, welcher Weg zum Ziel führt? Jetzt sollte man sich dem Reichtum des Alters, den Erinnerungen, die nicht ausgelöscht sind, bedienen. Bestimmt helfen sie, die Schönheit - Harmonie im Innern - zu festigen.
Vollendung: „Mit der Reife wird man immer jünger. Es geht auch mir so ... da ich das Lebensgefühl meiner Knabenjahre im Grund stets beibehalten habe und mein Erwachsensein und Altern immer als eine Art Komödie empfunden habe“, schrieb Hermann Hesse.
Ingrid Odenthal |