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Wo ist der Fortschritt?
 
Eine Betrachtung von Mario Bergmann
Da gibt es Männer mit schwarzen Bärten, Frauen mit Kopftüchern, unsichtbare Frauen in der Burka und Männer und Frauen mit Sprengstoffgürteln. Da gibt es Männer mit kahlen Köpfen ...
 
und rasiertem Kinn, Frauen mit Kostüm und Aktenkoffer und Männer und Frauen, die sich scheiden lassen. Die einen leben in Armut, die anderen im Wohlstand. Die einen verschwenden Energie, die anderen tragen mit Energie das Wasser vom Brunnen in ihre Hütten. Aber Armut gibt es gleichwohl überall ebenso wie Reichtum. Der Reichtum ist in wenigen Händen. Die Hände der Armut sind zahlreich. Das Glück der einen soll sich im Jenseits erfüllen, das Glück der anderen materialisiert sich an der Börse oder bei Jean im Drei-Sterne-Restaurant. Jeder pocht auf seine kulturelle Herkunft, auf seine Wurzeln. Auf seine Religion. Der dynamische und flexible Westeuropäer, in zweiter Ehe glücklos verheiratet, klebt einen Fisch auf das Autoheck. Der in Deutschland geborene und aufgewachsene Marokkaner liest den Koran, lässt sich einen Bart stehen, bindet sich ein grünes Band um die Stirn und probt die Antifada in Castrop-Rauxel. Seine 17jährige Freundin aus der marokkanischen Nachbarfamilie sitzt eingesperrt zu Hause. Er streift durch die Stadt und sucht die ungläubigen deutschen Mädchen, die geil auf Sex sind, die geil auf ihn sind. Das stellt er sich vor. Das wird ihm vermittelt.  Von seinen Freunden, von seinen Eltern, die nach über 30 Jahren noch immer gebrochen Deutsch sprechen. Vor allem die Mutter, die keinen Sprachkurs machen durfte, die kochen, putzen, einfach da sein musste, wenn der Mann von der schmutzigen Arbeit nach Hause kam. Andere packen wieder das Kreuz aus. Das Kreuz, an dem dieser Leichnam hängt mit schmerzverzerrtem Gesicht und der Dornenkrone. Jetzt nicht nur zu Ostern. Jetzt jeden Tag. So als könne man den Islamismus wie den Vampirismus mit dem Kreuz in Schach halten. Religion hat Konjunktur - gerade in Zeiten schwacher Konjunktur und der Bedrohung der sozialen Sicherungssysteme. Religion wird instrumentalisiert. Das gab es schon immer. Das gibt es auch heute wieder. Eine bittere Erkenntnis. Aber eine Wahrheit, die herausfordert, die Fragen stellt. Antworten gibt es viele. Aber es sind Antworten des Kopfes. Das Leben aber kommt aus dem Bauch. Darauf ist die westliche Industriewelt nicht vorbereitet. Sie organisiert die Abwehr der Bedrohung mit neuester Technologie, mit Waffen und logistischen Meisterleistungen - die aber versagen gegen den Mut, die Verzweiflung und den Fanatismus des Einzelnen, der sich eine Verheißung zu eigen macht, die weiter trägt als eine Krankenversicherung, eine Rente oder eine Pflegeversicherung. Ob Ostern, Sabbat oder Ramadan, ob Katholiken, Protestanten, Baptisten, Orthodoxe, Sunniten oder Schiiten - die Menschen sind die Opfer, werden zu Opfern gemacht. Was für eine Welt. Was für eine Welt im 21. Jahrhundert. Der technologische Fortschritt ist rasant. Der Mensch hat das Mittelalter offenbar kaum überwunden. Man kann das beklagen. Man muss das beklagen. Aber ändert dies etwas? Sündenböcke kommen immer mehr in Mode. Toleranz wird zur vergangenen Zeiterscheinung. Ängste sind Fundgruben für eine neue Irrationalität. Vorurteile werden salonfähig. Der schwarze Mann steht wieder vor der Tür. Ein neues Feindbild gibt Sicherheit. Dialoge scheitern an den Sicherheitsmaßnahmen. Die Welt wird endlich wieder einfacher. Wo ist der Fortschritt?
 
 
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