breitet sich aus wie Flechten in der Tundra. Wie die Flechten zahlt auch die Telekom keine Gewerbesteuer. Die Stadt ist pleite. Bundeszuschüsse gibt es nicht mehr. Soziale Einrichtungen müssen Personal entlassen. Bonn feiert wieder ein Beethoven-Jahr und die Eröffnung einer Schlafstelle für obdachlose Mädchen. Bonn. Die Stadt, in der es entweder regnet oder die Schranken zu sind - so hieß es damals in den ‚guten alten Tagen’, als Konrad Adenauer mit der Fähre von Rhöndorf über den Rhein setzte, um im Palais Schaumburg zu regieren. Die Schranken sind jetzt öfter offen. Es fahren weniger Züge. Heute steht der Kanzlerbungalow leer - leer wie viele Häuser entlang der Champs Elysée von Bonn, der Konrad-Adenauer-Allee. Unter ihr die U-Bahn nach Bad Godesberg. Die U-Bahn, die 30 Jahre lang gebaut wurde, gebaut für viel Geld. Heute fahren die Züge im Halbstunden-Takt, aber nur tagsüber. Abends wird es ruhig in Bonn. Die Taxifahrer klagen über das schlechte Geschäft. Bonn ist Provinz - wenn es dies nicht schon immer war. Der Hauch der großen weiten Welt, der einstmals diese Stadt streifte, weht nun über sie hinweg. Der ICE hält nicht mehr in Bonn. Er fährt an Bonn vorbei über Siegburg.
Nur der Rhein fließt weiter unbeirrt durch Bonn. Im Frühjahr schwillt er an. Im heißen Sommer wird er schmal und flach. Die Brücken stehen noch. Die Fähren fahren noch, wenn auch weniger. Der neue Posttower, 165 m hoch, das höchste Verwaltungsgebäude in NRW, er leuchtet in vielen Farben, stellt den legendären ‚Langen Eugen’ buchstäblich in den Schatten. Der Posttower, ein Versuch, wohl der letzte, aus Bonn eine Großstadt zu machen.
Es ist Mitternacht. Die Stadt schläft. Sie verdaut ihre kommunalen Probleme: Das Haushaltsloch. Die Korruptionsaffäre ihres CDU-Fraktions- und Stadtwerke-Chefs. Die Müllkorruption. Die vielen kleinen provinziellen Streitigkeiten. Das neue Ladenschlussgesetz bringt Licht in den Bonner Abend. Danach ist Schluss. Dann leuchten noch die großen ‚Ts’ in Magenta-Rot in der dunklen Stille. Rosenmontag wird wieder zum kulturellen Höhepunkt. Es gibt kaum noch Staus. Die Hektik ist nach Berlin gezogen. Mit ihr viele Menschen. Die Studenten sind geblieben. Mandelförmige Augen, schwarze Haut, das gibt es immer noch in Bonn. Zum Glück.
Die Springbrunnen sprudeln wieder dank privater Sponsoren. Hier sitzen sie - die Studenten, die Punks, die Obdachlosen aus dem Bonner Loch - der architektonischen Todsünde der 70er Jahre. Die Häuserzeile aus der Gründerzeit wurde gnadenlos abgerissen. Der wilhelminische Bahnhof bleibt ein Solitär. Heimat nur noch für Pendler- und Regionalzüge. Gut, dass es die Jugend gibt. Die Schüler, die Studenten. Sie sitzen ‚outdoor’ im EisCafé auf dem Kaiserplatz, von dem aus man das Poppelsdorfer Schloß sieht - ganz hinten am Ende der Poppelsdorfer Allee mit ihren alten Kastanien - den Kastanien, die noch stehen, die noch nicht Opfer der ehrgeizigen Hardtbergbahn-Pläne geworden sind. Das Geld für den Bau fehlt. Manche sind froh darüber. Das ist Bonn. Das ist Bonn heute. Hier wohnt und lebt man gut - 13 Jahre nach dem Umzugsbeschluss des Bundestages. Hier lebt man gut und gutbürgerlich. Man kann nachts unbehelligt auf die Strasse gehen. Bonn ist nicht New York. Bonn war nie New York. Gottseidank. Bonn ist, was es war: eine Stadt ohne Allüren, eine Stadt zum Wohlfühlen.
Mario Bergmann |