| |
Lyrik ungebunden
Engagierte „50plus“-Lyrik
Im Gegensatz zu dem Anschein, den der Anthologie-Titel „Lyrik ungebunden“ erweckt, handelt es sich um einen ästhetisch schön aufgemachten und gut gebundenen Gedichtband, der jüngst in der edition locom erschienen ist. Reizvoll aufgewertet wird diese über hundert Seiten starke Publikation, in der acht Autor(inn)en ihre Texte vorstellen, durch neun Bilder des georgischen Künstlers Gia Baidarashvili. Das Besondere an diesem Band ist sicherlich, dass es sich bei den Autor(inn)en zumeist um die sogenannte „50plus-Generation“ handelt, die sich hier mit den Mitteln der Poesie des Alltags bemächtigt.
Dass es mit der Poesie so eine Sache ist, dass nämlich die Poesie zum Schönfärben der Realität dienen kann oder auch zur Schminkstube persönlicher Eitelkeit verkommt, dies schreibt anstelle eines Vorwortes die Redakteurin Mouna Rappold allen Dichter(inne)n generell ins postmoderne Kurzzeitgedächtnis: „VIP oder hip, du weißt, wie du ihn webst, / den Traum, dass du unsterblich wirst als Leiche... / Nur - was, wenn du wie eine Leiche lebst?“
Lebendig soll sie sein, die Lyrik, von leidenschaftlichen Menschen gemacht. Und durchaus fidel wartet „Lyrik ungebunden“ als ein uneinheitlicher Band auf, was ja insbesondere deshalb kein Nachteil sein muss, weil die Lyrik von der Vielheit lebt. Kein Thema war vorgegeben, die Textauswahl war halt - und so erklärt sich der Titel - inhaltlich „ungebunden“ und frei. Das schafft Raum für individuelle Weltbetrachtungen, Naturlyrik und Alltagserfahrungen, die den eigentlichen Kern des Bandes ausmachen. Wohltuend ist der Band auch in seiner Weltoffenheit, die nicht nur der schreibenden „50plus-Generation“ sehr gut steht. Hier schreiben Benita Glage, Lucie Undil, Lydia Rosin, Mario Bergmann, Pira, Alice, Mouna Rappold und Shiko Shatchin. Einige dieser Autor(inn)en veröffentlichten bereits in russischer und persischer Sprache, es handelt sich also um einen transkulturellen Gedichtband, aus dem dann solche Sätze hervorstechen wie dieser: „Eine Karikatur der Beleidigung ist das Altern“ oder: „Durch Mikroskope ist der Weg zum Himmel näher als durch Teleskope“ (Pira, S. 46). Der Autor dieser Sätze, beruflich Biophysiker, konzipiert innerhalb seiner Poesie eine eigentümliche Symbiose zwischen den Themenbereichen der „Freiheit“ und der Genetik („Traum“, S. 45 / „Gen-Ethik“, S. 52). Doch Vorsicht mit vorschneller Textanalyse, denn der Autor ist Satiriker(!). Und als solcher scheint er auch den schwierigsten Situationen gewachsen, was eine Begegnung mit einer überaus attraktiven Dame im Bus belegt: „Ich verlor Beine und Fluchtweg. Anscheinend hatte ein Sturm meine Verkehrsschilder ausgerissen. Plötzlich aber galoppierte meine männliche Tapferkeit in die Straße ihrer Augenbrauen“ (S. 50).
Naturgemäß ist die Rezension einer Anthologie stets zu kurz, um allen Autor(inn)en gerecht zu werden, dennoch möchte ich nicht versäumen, auf die politische Lyrik von Alice einzugehen, die als Pazifistin einen ganz eigenen Zugang zur Lyrik gefunden hat. Ihr Lyrik-Text „Und immer wieder scheint irgendwann die Sonne“ (S. 87 f.) hat denn auch nichts mit poetischer Entsorgung eines Sonnenaufgangs zu tun, sondern mit der TV-Reportage „Wenn das Sozialamt zweimal klingelt“. Die Autorin beschreibt auf schlichte Weise ihre politische Betroffenheit darüber, dass Menschen vor den Wohnunskontrolleur(inn)en des Sozialamtes intimste Lebensverhältnisse offenlegen müssen, noch dazu vor dem voyeuristischen Blick des TV-Publikums. Die Texte von Alice (S. 79-89) sind engagiert und gesellschaftskritisch. Die Autorin sucht die Auseinandersetzung, den Dialog, das macht ihre Texte interessant.
Und so erscheint „Lyrik ungebunden“ durchaus gelungen. Und zwar als ein Band für eine Leser(innen)schaft, die nicht das poetische Highlight erwartet, sondern sich anregen lässt von der hier dargelegten Schreibleidenschaft - eine Leser(innen)schaft vielleicht, die alsbald zur eigenen Feder greift für den nächsten Lyrikband der „edition locom“ oder im Internetportal LoComNET 50 plus.
Infos zum Buch:
LoCom Bildungsinstitut Bonn (Hrsg.):
Lyrik ungebunden.
108 Seiten, 9 Grafiken
edition locom, Bonn 2004
ISBN 3-980 9500-0-X
Erhältlich für € 8,--
|
|